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„Kammer vor Ort“ in Recklinghausen: Wie bringen wir Leben in die Innenstädte?

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    Impulsgeber für die „Kammer vor Ort“-Diskussionen in Recklinghausen (v. l.): Franz-Jörg Feja (Feja und Kemper), Moderator Klaus Beck, Stadtforscher Rolf Junker, AKNW-Präsident Ernst Uhing und Michael Martin (AIP) – Fotos: Christof Rose

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    Interesse an Austausch mit der Architektenkammer in Recklinghausen: Rund 150 Mitglieder kamen zur „Kammer vor Ort“-Veranstaltung in Ruhrfestspielhaus

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    Netzwerken und fachlicher Austausch: Feste Programmpunkte der beliebten „KvO“-Reihe der Architektenkammer NRW

„Willkommen bei den Kammerfestspielen in Recklinghausen!“ Pointiert begrüßte Moderator Klaus Beck die rund 150 Mitglieder der Architektenkammer NRW und einige Gäste zur jüngsten „Kammer vor Ort“-Veranstaltung, die am 8. Juli ins Ruhrfestspielhaus Recklinghausen gekommen waren. Das Leitthema des Abends war sowohl lokal als überregional aktuell und nicht ohne Brisanz: „Zukunftsfähige Innenstädte“.

„Die Leitfunktion des Einzelhandels für die Innenstädte ist inzwischen zu einer Leidfunktion geworden.“ Dipl.-Ing. Rolf Junker vom Stadtforschungsinstitut Junker + Kruse aus Dortmund stellte die zentralen Ergebnisse einer umfangreichen Forschungsarbeit vor, die er gemeinsam mit Dr. Holger Pump-Uhlmann für die Landesinitiative StadtBauKultur NRW durchgeführt hatte. Wichtigste Herausforderung sei, die vielen kleinen Einzelhandelsgeschäfte, die sukzessive schließen und ganze Geschäftslagen herunterziehen könnten, einer neuen Nutzung zuzuführen. „Es wird nicht mehr besser“, nahm Rolf Junker ein zentrales Ergebnis der Forschungsarbeit vorweg, die unter dem Titel „Einkaufsstraßen neu denken – Bausteine für neue Perspektiven“ bei der Landesinitiative StadtBauKultur NRW erschienen ist.

Nicht an alten Mustern festhalten
Seit 2005 sei die Laden-Leerstandsquote in einigen kleinen und mittelgroßen Kommunen auf bis zu 20 Prozent gestiegen. „Das ist dramatisch, denn hier findet ein rasanter Trading-Down-Effekt statt“, so Junker. Notwendig sei ein „Neudenken zur Funktion, Ausdehnung und Gestaltung von Geschäftsstraßen“, appellierte Junker. „Umnutzung ist oft die bessere Alternative als das Festhalten an alten Mustern.“ Gerade in kleinen und mittleren Städten sowie in Stadtteilzentren sei die Umwidmung von Läden zu Wohnraum auch für den Vermieter häufig die bessere Alternative, als mit ständig wechselnden Gewerbemietern klarzukommen. Geeignete Folgenutzungen seien häufig Dienstleistungen, Wohnen, Gastronomie, aber auch die Schaffung neuer öffentlicher Freiräume. „Wichtig ist, dass Qualität geschaffen wird.“ Dies könne mit kleinteiligen, flexiblen Strukturen zum Erfolg führen. Hilfreich seien geeignete Förderinstrumente sowie einzelne Impulsprojekte.

Oftmals könne ein solcher Prozess nur in enger Abstimmung mit den Eigentümern, bisweilen auch unter Einbeziehung der Nachbarschaft oder der Bürgerschaft gelingen, betonte Rolf Junker. „Gesteuert werden können solche Projekte am besten von Architekten und Planern“, konstatierte Rolf Junker.

Nutzungsmischung statt Warenhaus
Ein beispielhaftes Großprojekt stellte Architekt Michael Martin, Geschäftsführer von AIP (Architekten und Ingenieure Projektplanung, Düsseldorf), mit dem ehemaligen Karstadt-Haus am Recklinghäuser Markt vor. Der markante Baukörper aus den 1930er Jahren („Warenhaus Althoff“) war zu seiner Entstehungszeit das größte Kaufhaus Westdeutschlands. Im Jahr 2018 aber wurde das Warenhaus aufgegeben, trotz guter Kennzahlen der Region Recklinghausen hinsichtlich Kaufkraft und Umsatz. Als Lösung empfahlen AIP ein „Mixed Use“-Konzept aus Wohnen, Hotel, Einkauf, Fitness, Dienstleistungen, Pflege, Ärzten und Gastronomie. „Zunächst müssen wir Ballast abwerfen“, so Michael Martin. Ergänzungsbauten, die über die Jahre erfolgt seien, sollen ebenso verschwinden wie später angebrachte Fassaden und Treppenhäuser. Die Umwidmung habe erfordert, dass die Stadt Recklinghausen ihren Bebauungsplan änderte und an „Urbanes Gebiet“ schuf. „Ein solches Vorhaben ist hochkomplex“, so Michael Martin. Stellplätze, Barrierefreiheit und Verkehrslenkung seien Themen, die nicht nur planerisch, sondern auch kommunikativ mit der Stadtgesellschaft gelöst werden müssten.

Als „Highlight“ soll auf dem Dach des ehemaligen „Bettenhauses“ des Gebäudekomplexes eine Kita mit drei Gruppen eingerichtet werden. Eine Dachbegrünung und ein neuer Innenhof sollen dazu beitragen, das Mikroklima im Quartier mitten in der Stadt zu verbessern. Nutzungsmix, Mischung der Generationen, soziale Vielfalt: „Wir sind der Auffassung, dass nur ein bedarfsorientierter Nutzungsmix zu einer tragfähigen Umsetzung führt“, betonte Architekt Martin. Reine Handelsnutzungen reichten nicht mehr aus. Durch ihre zentrale Lage hätten solche Objekte eine Chance, insbesondere Wohnungen für alte Menschen und Pflege-Wohnen zu etablieren. Zudem erhebe AIP den Anspruch, eine hohe gestalterische Qualität umzusetzen, die sich aus dem Standort und der Nutzung ableitet. Für das alte Karstadthaus in Recklinghausen solle im Sommer 2019 die Entkernung losgehen; die Umsetzung soll 2021 abgeschlossen werden. „Es dürfte ein spannender Ort werden, der zur Belebung der Innenstadt beiträgt.“

Gastronomie in gehobener Architektur
Der gebürtige Recklinghäuser Architekt und Stadtplaner Franz-Jörg Feja (Feja + Kemper Architekten) stellte als kleineres Best-Practice-Beispiel sein Objekt „Gastronomie an der Mollbeck“ vor, das unter anderem mit einer Anerkennung beim Holzbaupreis 2018 gewürdigt wurde. Der Vorgängerbau aus den 1920er Jahren war das Restaurant eines beliebten öffentlichen Bades, das 2014 durch einen Brand vernichtet wurde. Die Stadt entschied, erneut ein Restaurant errichten zu lassen. Feja + Kemper entwickelten einen langgezogenen Gastraum, „der eigentlich nur Fensterplätze kennt“, wie Franz-Jörg Feja erläuterte. Der gesamte Bau ist eine Holzkonstruktion, teilweise mit Spannweiten von acht Metern, der nach Westen vollständig verglast ist.

Entstanden sind Räume, die attraktiv und gut nutzbar sind. „Und die meistens auch sehr gut genutzt werden“, ergänzte Franz-Jörg Feja. So eine reduzierte, klare Struktur mit vielen Details bedürfte einer intensiven Planung – die auch künftig nicht zu Dumpingpreisen zu haben sein könne, so Architekt Feja in Ergänzung zu den einleitenden Worten, mit denen AKNW-Präsident Ernst Uhing die Teilnehmer der „Kammer vor Ort“-Veranstaltung in Recklinghausen begrüßt hatte und mit denen Uhing auf das aktuelle Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu den Mindest- und Höchstsätzen der HOAI eingegangen war. „Das Urteil ist ein deutlicher Einschnitt. Wir alle müssen nun Sorge tragen, dass die HOAI als Orientierungsrahmen erhalten wird, damit eine qualitätvolle Planung auch weiterhin finanzierbar bleibt.“

Sowohl das Thema „HOAI-Urteil“ als auch die Frage der Entwicklung der Innenstädte boten viel Stoff für angeregte Gespräche und einen lebendigen Austausch, der als fester Programmpunkt jede „Kammer vor Ort“-Veranstaltung abschließt. Auch in Recklinghausen nutzten die Kammermitglieder aus der Region die Gelegenheit, um mit den Repräsentanten der Architektenkammer NRW ins Gespräch zu kommen und um untereinander zu netzwerken.

Autor: Christof Rose