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Oskar Schlemmer: In der „inneren Emigration“

Die Frage nach der Beziehung des Menschen zum Raum war beständiges Thema in Oskar Schlemmers Werk wie hier in „Zwölfergruppe mit Interieur“, 1930. - Foto: Von der Heydt Museum Wuppertal

Mit seiner legendären „Bauhaustreppe“ schuf Oskar Schlemmer (1888-1943) nicht nur eine Ikone der Malerei des 20. Jahrhunderts, den bis heute gültigen Ausdruck eines modernen Zeitgefühls und eine geniale Verbindung von Malerei und Architektur: Das Gemälde, Stolz des New Yorker Museums of Modern Art (MoMA), war vor allem Schlemmers vehementer künstlerischer Protest gegen die Schließung des Bauhauses durch den schon 1932 national-sozialistischen Stadtrat von Dessau. Nur wenig bekannt ist die Tatsache, dass der als „entartet“ verfemte Künstler, dessen rund 50 Werke in deutschen Museen allesamt entfernt worden waren, ab 1940 seine letzten Schaffensjahre in Wuppertal verbracht hat. Hieran erinnert jetzt im Wuppertaler Von der Heydt-Museum die Ausstellung „Oskar Schlemmer – Komposition und Experiment“.

Wie kaum ein anderer Bauhausmeister verkörperte der Allround-Künstler als Maler, Grafiker, Wandgestalter, Bildhauer, Bühnenbildner, Choreograf und Lehrer den freien Geist und die interdisziplinäre Ausrichtung der legendären Kunstschule, an die ihn Walter Gropius 1920 nach Weimar geholt hatte.

Schlemmers beständiges Thema blieb - in Malerei wie in Zeichnungen, in monumentalen Wandreliefs oder seinem den Tanz revolutionierenden „Triadischen Ballett“ - die Frage nach der Beziehung des Menschen zum Raum. Die häufig verwendete chiffrenartige Rückenansicht oder das Profil gelten ihm als der „allgemeingültige Typus der Gestalt“ (Schlemmer) und als nahezu mystisches Symbol einer durch den Menschen vertretenen „Geistigkeit“. Die Retrospektive, die aktuell in Wuppertal zu sehen ist, mündet, klug und übersichtlich arrangiert, angereichert mit hochkarätigen Werken der Wegbegleiter wie Kandinsky oder Klee, Feininger oder Itten, in dieses letzte, beklemmende Kapitel seiner Wuppertaler Zeit.

Persönliche Niederlagen, aber vor allem die bedrückende „innere Emigration“ des sensiblen Künstlers in der rheinisch-bergischen Industriestadt wird in der Museums-Präsentation deutlich. Letztes Wirkungsfeld Schlemmers, das ihm immerhin kreative Arbeit und materielles Überleben ermöglichte, war die durch Rüstungs-Aufträge florierende Wuppertaler Lackfabrik Kurt Herberts. Hier wurden als „kriegswichtig“ eingestufte Tarnanstriche für Panzer, Bunker oder Schiffe entwickelt. Unter dem Schutz des NS-Titels eines „Wehrwirtschaftsführers“ hatte Fabrikant Herberts eine Reihe diffamierter Künstler eingestellt, wozu dank der Kontakte seines Architekten Heinz Rasch neben Schlemmer auch der Maler Willi Baumeister als dessen Studienfreunde aus Stuttgarter Akademiezeiten zählten.

Sie alle sollten Herberts` Utopie fördern, Lack in Kunst und Design zum Material der Zukunft zu machen und an einem eigens mit Ateliers, Laboren und Bibliothek eingerichteten „Lacktechnikum“ mit den Chemikern seines Betriebes zusammenarbeiten. Dies geschah natürlich inkognito, ohne jede Namensnennung, um der NS-Reichskulturkammer“ nicht bekannt zu werden. Wie schwer gerade Schlemmer, der an seinen neun Bauhaus-Jahren für die absolute Freiheit und Autonomie der Kunst gekämpft hatte, dieser Pragmatismus fiel, lässt sich an vielen der späten Skizzen und Zeichnungen ablesen. Als Ankauf aus Schlemmers Familienbesitz sind sie nun in der Wuppertaler Ausstellung erstmals in großem Umfang zu sehen. Seine zahlreichen Studien, oft auf das bescheidene Format der benutzten Schulhefte beschränkt, wirken vielfach eher routiniert als inspiriert: antikisierende Kopfstudien, fast karikierend dargestellte Chemiker bei der Arbeit am Glaskolben, florale Skizzen mit Jugendstil-Anmutung. Winzige Kompositionsstudien schreitender Personen auf einer Treppe gehören ebenfalls zu diesen bescheidenen Vorarbeiten für eine nie realisierte Treppenhaus-Wandgestaltung, sie wirken wie ein ferner Nachhall der furiosen „Bauhaustreppe“.

Überraschende Anregungen brachte den für Herberts tätigen Künstlern im Sommer 1941 die zufällige Lektüre der französischen Surrealisten-Zeitschrift „Minotaure“. In der Folgezeit entstand eine ganze Serie mittelgroßer Lacktafeln, die hochabstrakt die informelle Malerei der Nachkriegszeit vorwegzunehmen scheinen. Natürlich unsigniert, sind diese aufregenden Farb-Form-Experimente heute nur teilweise den einzelnen Künstlern zuzuordnen. Zu den drei letzten markanten Projekten Schlemmers in Wuppertal gehört ein kleiner Lackschrank für die Wohnung von Kurt Herberts. Nur einige überzeugende Entwürfe im glänzenden Stil der 1920er Jahre, darunter das Motiv eines Malers, der seine Pinsel prüft, haben sich erhalten: Das „revolutionäre“ Möbel selbst wurde Opfer der Bombardierung Wuppertals. Von einem „Lackballett“, das Schlemmer mit bescheidensten Mitteln zum Firmenjubiläum 1941 realisiert hat, blieben einige wenige anrührende Fotos, Choreografie-Aufzeichnungen und Kostümskizzen in der Art des „Triadischen Ballets“. Den dreiminütigen „Reigen in Lack“ führten sechs Frauen der Betriebs-Gymnastikgruppe als „gemessenes Schreiten und Tragen von Kostümen“ (Schlemmer) zu einer Händel-Sarabande auf.

Als Krönung der Lack-Experimente war überdies ein begehbares „Lackkabinett“ geplant, an dem Schlemmer bis Sommer 1942 ein knappes Jahr lang gearbeitet hatte. Unverkennbar nach dem Vorbild der Wandgestaltung pompejanischer Villen sollten leicht auswechselbare, farbige Lacktableaus dem Besucher des Kabinetts einen ständig neuen Raumeindruck vermitteln. Das aus Kostengründen von Kurt Herberts gestoppte Projekt wurde nach erhaltenen Skizzen und Notizen des Künstlers erst 1987 verwirklicht und kann während der Ausstellung in Wuppertal betreten werden.   

„Oskar Schlemmer – Komposition und Experiment“, bis 23. Februar 2020. Von der Heydt-Museum, Turmhof 8, 42103 Wuppertal, Eintritt: 12 Euro. Mehr Infos gibt es hier auf der Webseite des Museums.

Autor: Gerd Korinthenberg