E.L. Kirchner: Entwurf eines Herrenzimmers, Innenraum

Ausstellung: E. L. Kirchner: Vor der Kunst die Architektur

Mit dem Namen Ernst Ludwig Kirchner verbinden sich zuallererst ausdrucksstarke, farbintensive Gemälde und Zeichnungen. Als expressionistischer Künstler weltweit bekannt geworden, umfasst sein Lebensweg aber auch eine weitere, weniger beachtete Phase: sein Studium der Architektur. Die ab dem 25. September 2020 im Baukunstarchiv NRW gezeigte Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner. Vor der Kunst die Architektur“ widmet sich dieser frühen und vielfach noch unbekannten Episode des Expressionisten – der Zeit vor der Kunst.

17. September 2020Autor: Dipl. Ing. Christos Stremmenos und Dr. Alexandra Apfelbaum

Die Ausstellung präsentiert in Form einer umfassenden Werkschau Originalarbeiten, die Kirchner während seines Studiums an der Königlich Technischen Hochschule Dresden geschaffen hat, und stellt damit den Künstler Ernst Ludwig Kirchner als jungen Architekten auf eindrückliche Weise vor.

Die Schau ist als Wanderausstellung konzipiert, wodurch die drei unterschiedlichen Lebensstationen Kirchners an drei Ausstellungsorten in Aschaffenburg, Dresden und Dortmund näher beleuchtet werden. Im Baukunstarchiv NRW wird als erste Station das Wirken und der Werdegang Kirchners an seinem ersten wichtigen Ausstellungsort präsentiert. Anhand der Sammlungsgeschichte des Museums am Ostwall werden Werke Kirchners aus Ankäufen und Ausstellungen gezeigt, die auch in enger Verbindung mit der Baugeschichte des Hauses stehen. Im Rahmen der weiteren Stationen - im Zentrum für Baukultur Sachsen im Kulturpalast in Dresden wie auch im KirchnerHAUS in Aschaffenburg - stehen dann die Verbindung von Kunst und Architektur während seines Studiums und die Prägungen in seiner Geburtsstadt im Mittelpunkt.

95 Arbeiten aus der Zeit des Studiums
Kirchner wurde 1880 in Aschaffenburg als Sohn eines in der Papierforschung tätigen Ingenieurs geboren. Seine ersten sechs Lebensjahre verbrachte er in einem Haus in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, bis die Familie nach einem kurzen Aufenthalt in Frankfurt am Main zuerst in die Schweiz und dann nach Chemnitz zog. Gemeinsam mit seinen Freunden und den späteren „Brücke“-Künstlern Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff studierte Kirchner von 1901 bis 1905 in Dresden und ein Semester in München Architektur. Das Architekturstudium hatte er anstelle des gewünschten Malereistudiums aus „familienbegründeten Zwangsverhältnissen“ aufnehmen müssen.

Seine 95 Studienarbeiten werden nun erstmals in einer Gesamtschau präsentiert. Es handelt sich dabei um ein Konvolut an Skizzen und Zeichnungen, die sich zwischen Historismus, Jugendstil und dem Reformstil der frühen Moderne bewegen. Sie umfassen neben klassischen Architekturdarstellungen in Grundrissen, Ansichten, Schnitten und Perspektiven auch aufwendige Innenraumgestaltungen mit Möbeln, Lampen und Wandarbeiten. Zu den im Rahmen des Studiums bearbeiteten Bauaufgaben zählen Wohnhäuser, Ateliers, Hotels und Museen. In seiner Diplomarbeit entwickelte Kirchner den Entwurf einer monumentalen Friedhofsanlage, mit der er sein Studium erfolgreich abschloss. Im Vergleich etwa mit den repräsentativen und opulenten Entwürfen an der Pariser École des Beaux-Arts wird deutlich, wie sehr die Architekturausbildung in Deutschland alltägliche Bauaufgaben und eine von der englischen Arts and Crafts-Bewegung beeinflusste Kultur des Wohnens in den Mittelpunkt stellte.
Eine Erstpublikation des Konvoluts erfolgte bereits 1999 mit einer Teilveröffentlichung der Kirchner-Blätter. Heute die detailreichen und farbenprächtigen Architekturzeichnungen Kirchners erneut und vollständig der Öffentlichkeit zu präsentieren, ist mehr als die Huldigung einer berühmten Künstlerpersönlichkeit. Die Ausstellung bereichert nicht nur unser historisches Wissen, indem einem Maler sein architektonisches Werk zur Seite gestellt wird, sondern ermöglicht dem Betrachter auch eine Auseinandersetzung mit den Schnittstellen von Architektur und Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Bedeutung der Vorstellung von „Raum“
Das Architekturstudium der „Brücke“-Künstler war schon mehrfach Gegenstand kunsthistorischer Betrachtungen. Dabei versuchte man, den Einflüssen der nicht künstlerischen Ausbildung auf das Werk der Künstler nachzugehen. Auch bei Kirchner waren bereits zu Studienzeiten beide Tätigkeitsfelder eng miteinander verknüpft. Neben seinen Aufgaben als Architekturstudent betätigte er sich intensiv als freischaffender Maler und Zeichner. Dass diese Leidenschaft deutlich größer war als die für die Architektur, drückte sich nicht zuletzt auch in seiner Wohnsituation aus. Laut seinem Freund Fritz Bleyl entsprach die Wohnung Kirchners eher der eines Malers als der eines „ordentlichen Architekten“: Räume voller bunt herumliegender Bilder, Zeichnungen und Bücher mit Staffeleien und unzähligen Farben.

Kirchner hat sein Architekturstudium später selbst nicht mehr thematisiert. Und dennoch hat er ihm offenbar eine nicht unerhebliche Bedeutung zugemessen, wie der Umstand beweist, dass er die 95, teilweise sehr großformatigen Blätter über zwei Weltkriege hinweg mit sich getragen und schließlich in einer Mappe bei seinen künstlerischen Arbeiten verwahrt hat. Als eines der Ziele der „Brücke“ benennt Kirchner in ihrer Chronik den Versuch, „die neue Malerei mit dem Raum in Einklang zu bringen“. Dazu hat sein Architekturstudium die entscheidende Grundlage geschaffen.

Erst die Fähigkeit, einen dreidimensionalen Raum perspektivisch korrekt darzustellen, ermöglichte es ihm, durch radikale Ausschnitte, skizzenhafte Darstellung oder gezielte Verzerrung den Raum in die Malerei zu übertragen. Im Schaffen Kirchners blieb – wie auch bei anderen „Brücke“-Mitgliedern – die Architektur ein zentrales Motiv. Davon zeugen Darstellungen von Straßenszenen und Stadtansichten mit städtischen Infrastrukturen und technischen Anlagen, in denen er seinen virtuosen Umgang mit der Perspektive unter Beweis stellen konnte.

Reformbestrebungen der Jahrhundertwende
Die Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner. Vor der Kunst die Architektur“ setzt das stark von Jugendstil und den Reformbestrebungen der frühen Moderne geprägte architektonische Werk Kirchners auch in den Kontext seiner Dresdner und Münchner Lehrer, darunter Fritz Schumacher und Paul Wallot. Kirchners Zeichnungen verweisen auf den fundamentalen Wandel im Architekturgeschehen, der sich um 1900 bereits durch erste Reformbestrebungen ankündigte, die 1907 zur Gründung des Deutschen Werkbunds führen sollten – initiiert von Kirchners einflussreichstem Lehrer Fritz Schumacher, aber auch Peter Behrens und Joseph Maria Olbrich.

Aber auch die jungen Architekturstudenten und Künstler wendeten sich sowohl gegen den Konservatismus in den bildenden Künsten als auch gegen den Historismus in der Architektur. Innerhalb der damaligen Debatten um Kunst und Architektur wurde die Baukunst erneut als „Mutter aller Künste“ in den Mittelpunkt gerückt. Die Entwürfe Kirchners bezeugen, dass sich um die Jahrhundertwende die Grenzen zwischen Kunsthandwerk, Kunst und Architektur aufzulösen begannen und somit auch die Idee vom „Gesamtkunstwerk“ an Bedeutung gewann. Künstler wie Peter Behrens konnten zu Architekten werden — und Architekten wie Kirchner zu Künstlern.
Architektur als Raumkunst

Das Entwerfen von Inneneinrichtungen, Ausstattungsgegenständen und Ornamenten hat Kirchner stark interessiert, was sich in der Anzahl der dazu entstandenen Blätter widerspiegelt. Sie zeigen, wie eng das gestalterische Arbeiten eines Architekten mit dem eines Künstlers verknüpft sein kann. Kirchner hat Architektur als Raumkunst verstanden – wie noch Jahre später entworfene Wandbilder, Bildteppiche und Stoffe belegen.

So hat Kirchner für die Werkbund-Ausstellung in Köln 1914 einen Stand für den Tabakhändler Feinhals entworfen. Auch die Ausmalung des Treppenhauses im Brunnenhaus des Sanatoriums Kohnstamm in Kronberg von 1916 zeugt vom starken räumlichen Bezug seiner Arbeiten. Eine Ausmalung des Festsaals im Museum Folkwang in Essen von 1927/28 ist nicht realisiert worden. Es wäre ein herausragendes Beispiel für einen Innenraum, in dem sich die Grenzen zwischen gebauter, angewandter und freier Kunst auflösen.

Die nahezu epische Darstellung im „Entwurf für ein Herrenzimmer“ von 1904 oder auch die farbenprächtigen Entwürfe für die ganz im Sinne der Reformbewegung schlicht gestalteten Innenräume mit teilweise expressiver Strichführung wie für die „Bibliothek Hetzer“ von 1901 - 1905 zeugen vom zeichnerischen Können und der Modernität in Kirchners Entwürfen. Man mag sich kaum vorstellen, wie sie wohl aussehnen würden, seine Bauten und Innenräume, wäre der Künstler tatsächlich Architekt geworden. Seine Gemälde, Zeichnungen und Entwürfe vermitteln uns bis heute Kirchners architektonischen Blick auf die damalige Welt.

Für unser heutiges baukulturelles Verständnis vermag dies einen wichtigen Impuls geben: Die sinnliche Wahrnehmbarkeit von Architektur verdeutlicht ihren ästhetisch-gestalterischen Ursprung und verleiht ihr eine Wertigkeit über die reine Zweckgebundenheit hinaus.

Die Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner. Vor der Kunst die Architektur“ ist vom 25. September 2020 bis zum 20. Dezember 2020 im Baukunstarchiv NRW in Dortmund zu sehen. Im Anschluss daran wird sie vom 4. Februar bis 4. April 2021 im Zentrum für Baukultur Sachsen im Kulturpalast in Dresden und vom 7. Mai bis 25. Juli 2021 im KirchnerHAUS in Aschaffenburg gezeigt.

https://baukunstarchiv.nrw

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