Am Ursprung der Architektur liegen eine Handvoll Erde, ein paar Steine, Holzstöcke. Zum Bauen mussten Menschen lange auf Materialien zurückgreifen, die in ihrer unmittelbaren Umgebung verfügbar waren. Im Zuge der Industrialisierung und der Globalisierung haben sich Abbau-, Verarbeitungs- und Transportmöglichkeiten so stark vervielfältig, dass oftmals vergessen scheint, was vor der Tür steht. Und dass die Verwendung regional vorhandener oder bereits eingesetzter Materialien einen wichtigen Beitrag zum kostengünstigen und klimaschonenden Bauen leisten kann.
Die 36. Ausgabe der Reihe „Architektur und Film“ präsentiert vier internationale Dokumentarfilme, in denen die Materialität der Architektur in den Vordergrund gerückt wird. Die Filme thematisieren nicht allein die Auswahl von Materialien, sondern auch ihre über die Jahrhunderte entwickelten Hierarchien sowie festverankerte Ideen, die mit ihnen verbunden werden. Beispielsweise werden Vorstellungen von Macht mit thronenden Säulen in einer griechischen Ruinenlandschaft verbunden; im Gegensatz dazu wirkt ein Lehmhaus in der Mitte eines wilden Gartens bescheiden.
Der Zusammenhang von Baumaterial, seinen Wirkungen und seinem Einsatz in der Architektur ist nicht nur für Architekt*innen und Ingenieur*innen von großem Interesse. Er bestimmt grundlegend das Leben aller Spezies: von der Pflanze bis zu Tieren und Menschen. Diskutiert wird, wie das Zusammenleben von Milliarden von Menschen baulich gefasst werden kann. Nicht zuletzt senden die Filme – auf ganz unterschiedliche Weise - einen lauten Appell für die Wertschätzung der viel zu stark ausgebeuteten Ressourcen unseres Planeten.
ARCHITECTON
RU 2024 · 98 min · OmU · digitalDCP , R/B: Viktor Kossakovsky K: Ben Bernhard D: Michele De Lucchi u.a.
Termine:
An einem kalten Wintertag steht ein alter Architekt in seinem Garten im Norden Italiens. Er und seine zwei Gärtner suchen Steine aus und ordnen diese zu einem Kreis auf dem Boden. Erst am Ende des Filmes versteht man den Akt. Nach Jahrtausenden bauen wir noch immer mit Steinen, nur wie? Warum erfolgt der Wechsel von Bauen und Abreißen zu häufig und in viel zu schnellem Rhythmus? Warum wenden wir viel Energie für die Verwandlung von Materie in Baumaterial auf, das dann – wieder energieintensiv – um die Welt kreist?
Monumentalität und Kraft gegen Leichtigkeit und Verletzlichkeit: Dies könnte das Motto von ARCHITECTON sein, dem vorletzten Film des russischen Regisseurs Viktor Kossakovsky. Die Kinoleinwand dient als Projektionsfläche für stille, poetische Reflexionen über den Umgang mit einem der Hauptmaterialien unseres Planeten. Steine bekommen Gesichter; sie tanzen auf einem bebenden Boden; sie schweben auf einer Spitze. Die Kamera berührt, fühlt, hört den Steinen zu. Die überwältigenden Aufnahmen, begleitet von instrumentaler Musik, bieten eine intensive körperliche Erfahrung und konfrontieren uns mit unserem Umgang mit diesem faszinierenden Basismaterial, das in seinem gesamten Variantenreichtum gezeigt wird: vom Staub zum Sandkorn, von den Felsen zum Beton. Die Kluft zwischen den ursprünglichen Steinformationen in der Natur und Großstädten aus Beton ist dabei oftmals Schwindelerregend.
DEUTSCHLANDPREMIERE
TOUCHER TERRE/ ALL IN EARTH
FR 2024 · 68 min · OmU · digitalDCP, R: Jérémie Basset B: Laetitia Fontaine, Romain Anger, u.a. D: Martin Sauvage, Julia Wurst, Anna Heringe u.a.
Termine:
Kann es sein, dass der Westen bei seinen spektakulären architektonischen Ambitionen im Zuge der Industrialisierung vergessen hat, wie einfach Bauen sein kann? In kaum einem anderen Feld hat der moderne, westliche Mensch sich so sehr von seiner – im wahrsten Sinne des Wortes - Bodenständigkeit entkoppelt und so viel tradiertes Wissen verlernt, wie beim Verlust der Fähigkeit, sein eigenes Haus bauen zu können.
Ein partizipatives Bauprojekt steht im Zentrum von TOUCHER TERRE. Der französischsprachige Titel bedeutet übersetzt „die Erde berühren“ und bezieht sich sowohl auf das Material unter unseren Füßen als auch auf die Notwendigkeit, mit unserem Planeten verbunden zu sein. Er impliziert eine regungslose Bodenständigkeit und ein „Selber machen“.
So setzen sich der französische Regisseur Jérémie Basset und die Ingenieurin Laetitia Fontaine mit der uralten, weltweit verbreiteten Bautradition von Lehmhäusern auseinander. Der Film zeigt die derzeitige Renaissance des Lehmbaus im Westen. Expert*innen aus den Bereichen Archäologie, Architektur und Bautechnik beleuchten die vielfältigen Facetten des Baumaterials, das sich leicht und fast überall auf der Welt mit geringem Aufwand herstellen lässt. Laien lernen auf einer partizipativen Baustelle, wie man etwas Stroh und Wasser zum lehmigen Boden hinzufügt, um ein hochwertiges Baumaterial herzustellen. Vom Boden bis zur Wand, von der knetenden Hand bis zur Hightech-Baustelle: dem Werkstoff Erde bzw. Lehm gehörte die Vergangenheit - und kann auch wieder die Zukunft gehören.
BIDONVILLE: ARCHITECTURES DE LA VILLE FUTURE / SLUMS: CITIES OF TOMORROW
CDN 2013 · 81 min · OmeU · digitalDCP, R: Jean Nicolas Orhon B: Jean Nicolas Orhon, Nicolas Reeves u.a. K: Vincent Chimisso
Termine:
Rund eine Milliarde Menschen bauen ihren Unterschlupf aus dem, was sie gerade finden können. Das muss und kann nicht immer schön sein: Es reicht, wenn überhaupt baufähiges Material vorhanden ist. Nichts wird extra produziert oder von weither transportiert. Überall auf der Welt bauen arme Menschen eine Architektur für den Alltag. Die Politik will sie nicht, scheitert aber immer wieder aufs Neue, wenn es darum geht, dieses architektonische Phänomen zum Verschwinden zu bringen.
BIDONVILLE: ARCHITECTURES DE LA VILLE FUTURE schwimmt gegen den Strom des Pessimismus, der dieses medienwirksame, aber oft stereotypisierte Thema gewöhnlich umgibt. Der Film ist eine menschliche und ästhetische Reise quer durch die Kontinente: nach Sao Paolo, Istanbul, Mumbai, Rabat, New Jersey, Marseille und Kitcisakik in Québec, wo das indigene gleichnamige Volk lebt, das zu den First Nations gehört. Ob auf ehemaligem Ackerland oder am Stadtrand; in einer Zeltstadt oder einem Wohnwagenviertel: Überall wird einfach gebaut, und zwar rasant schnell. Der Film befasst sich mit der Resilienz des Einzelnen und der Fähigkeit von Gemeinschaften, sich an eine feindliche Welt anzupassen. Trotz extremer Armut sorgen die Bewohner*innen von Slums für die Weitergabe und den Fortbestand ihrer Kultur, des Wesens ihrer Gesellschaft und ihrer Identität – entgegen dem Bild von unmenschlichem Chaos, mit dem ihr Lebensraum oft belegt wird.
DEUTSCHLANDPREMIERE
HACER MUCHO CON POCO / DO MORE WITH LESS
ECU 2017 · 84 min · OmU · DCP, R/B: Katerina Kliwadenko, Mario Novas K: Mario Novas, D: Alejandro Aravenas u.a.
Termine:
Weit weg von Hochglanz-Großstädten, überdimensionierten Skylines, geschmacklosem Dekor, wird hier für eine funktionale, naturschonende Architektur Platz gemacht, die mit dem lokalen Erbe verbunden ist. Eine pragmatische Frage müssen wir uns dringlich stellen: Wenn über die Hälfte der Menschen auf der Erde unter der Armutsgrenze lebt, sollte nicht sofort unser Umgang mit Architektur und Behausung geändert werden?
Eine recht junge Bewegung der lateinamerikanischen Architektur hat sich die Frage gestellt, was ihr Aufgabenfeld von einfachen Konstruktionen lernen kann, die von Menschen geschaffen werden, die weit entfernt von kapitalistischen Mustern bauen. Der Dokumentarfilm HACER MUCHO CON POCO der chilenischen Journalistin und Filmemacherin Katerina Kliwadenko und des spanischen Architekten Mario Novas zeigt, wie junge Architekt*innen in Lateinamerika an einem Paradigmenwechsel arbeiten, indem sie ein neues Verständnis dafür entwickeln, wie ihr Berufsstand mit der Gesellschaft interagiert. Der Film untersucht, wie sich die Architektur und ihr Berufsstand zukunftsgerecht entwickeln könnten, wenn in alternativen Wirtschaftsmodellen gearbeitet würde. Der Film beleuchtet konkrete Bauprojekte, in welche Studierende, Nutzer*innen und Architekt*innen von dem ecuadorianischen Architekturbüro Al Borde einbezogen wurden und bei denen lokale Ressourcen und Naturmaterialien in den Vordergrund rücken. Die recht starre Kamera und die vielen Geräusche der umgegebenen Natur schenken uns einen klaren und nahen Einblick in diese wertvolle Architektur.
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