René Reims (Kraft.Raum) und Sebastian Reinehr (sop architekten) führten in Neuss-Weckhoven – Fotos: Christof Rose / Architektenkammer NRW

„Architektur baut Zukunft“ - im Bestand

Manche Menschen mögen die Wohnarchitektur der 1960er und -70er Jahren nicht. Jens Huckauf aus Düsseldorf liebt sie. „Wir haben drei Jahre Arbeit in dieses Vorhaben gesteckt. Das war kein Spaziergang, aber es hat sich gelohnt“, erläuterte der Ingenieur einem Team des WDR-Fernsehens seinen Um- und Ausbau einer Dachgeschosswohnung im Düsseldorfer Stadtteil Flingern.

Am „Tag der Architektur“ waren in Nordrhein-Westfalen unter den 139 Objekten, die für die Öffentlichkeit am 18. und 19. Juni geöffnet waren, zahlreiche Bauten aus der Nachkriegszeit, die saniert, modernisiert und wieder attraktiv gestaltet worden waren. „Es ist gut, dass wir deutlich machen: Die Zukunft liegt im Bestand“, unterstrich Ernst Uhing, Präsident der Architekten-kammer NRW, in einem Pressestatement. Denn das diesjährige Motto zum Tag der Architektur hebe die Verantwortung des Planens und Bauens für die künftigen Generationen hervor: „Architektur baut Zukunft!“

Bauherr Jens Huckauf bekräftigte diese Aussage am Beispiel seines eigenen Projektes gegenüber rund 120 Besucherinnen und Besuchern. „Die 70er-Jahre Fassade unseres Hauses muss ja nicht jedem gefallen; sie erzählt aber von der Geschichte dieses Stadtteils und hat Charakter.“ Architektur habe ihn schon immer begeistert; deshalb habe er sich gerne dazu bereit erklärt, gemeinsam mit seinem Architekten René Brouns (Schwarzgold Architekten, Essen) das Konzept und die Details des Um- und Ausbaus der Wohnung im 5. Stockwerk eines Mehrfamilienhauses in innerstädtischer Lage zu erläutern.

Charme des Bestandes

Rund 10 000 Architekturfans und potenzielle Bauherr*innen nutzen den „Tag der Architektur“ in NRW, um sich über neue und erneuerte Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur oder Stadtplanung zu informieren.

„Ich bin fasziniert davon, wie aus einem alten Wohnhaus ein innovatives Wohnprojekt mit elf Wohneinheiten geschaffen werden konnte.“ Das sagte Birgit Schumacher, die am 18. Juni als erste Besucherin das Projekt „DreiDimensionaler StadtGarten über NachbarschaftsWohnprojekt“ von Architekt Gabor Schneider in Köln-Bayenthal in Augenschein nahm. Als Architekturfan sei sie begeistert davon, wie mitten in einer alten Kölner Wohnstraße ein Haus mit lebendigen Nachbarschaftsbereichen entstanden sei, in das sie sofort einziehen würde – wenn sie es sich leisten könnte.

„Wir haben insgesamt acht Jahre an diesem Bauvorhaben gearbeitet“, erläuterte Gabor Schneider den insgesamt 400 Besucherinnen und Besuchern, die an den beiden Tagen der Architektur – trotz der hochsommerlichen Hitze am Samstag – vorbeischauten und das Gespräch suchten. Die Arbeit im Bestand sei immer fordernd. „Wir mussten hier ein Baugenehmigungsverfahren von drei Jahren durchlaufen, weil wir das Bestandsgebäude aufgestockt, den Innenhof neu überbaut und ein ‚Wohntürmchen‘ ergänzt haben.“ So etwas sei nur mit viel Herzblut und persönlichem Engagement zu leisten, resümierte Gabor Schneider, der aber alle Besucher*innen mit dem Projekt begeistern konnte, das Innenverdichtung, Ökologie und Soziales in einem integrierten Konzept zusammenführt. Die Eigentumswohnungen, die bereits teilweise verkauft seien, lägen allerdings im oberen Preissegment.

Klimaschutzsiedlung im geförderten Wohnungsbau

Anders bei der „Klimaschutzsiedlung Vierlindenhöfe“ der GEBAG in Duisburg. Die 98 Wohneinheiten realisierte das Düsseldorfer Architekturbüro Henning Shin Architekten im geförderten und preisgedämpften Wohnungsbau im Stadtteil Walsum: Eine Siedlung aus sechs Baukörpern, die gute Architektur mit geringen Baukosten verbindet. Mit Fernwärme, Photovoltaik und einer kompakten Bauweise sowie einem ökologisch ausgerichteten Freiraumkonzept konnte Architekt Richard Henning mit seinem Team das neue Quartier auf dem Grundstück einer nicht mehr benötigten Schule im 3-Liter-Standard errichten.

„Die Wohnungen waren innerhalb kürzester Zeit vergeben“, mussten Stella Baikowski und Jessica Bredul vom Architekturbüro Henning Shin Architekten zahlreichen Interessenten während der Führungen durch die Vierlindenhöfe berichten. Andrea und Volker Abstoß, die zu den Gästen zählten, waren dennoch beeindruckt. „Eine echte Bereicherung für den Stadtteil“, zeigten sie sich nach dem Rundgang überzeugt. „Wenn heute Wohnungen im großen Stil neu errichtet werden, dann ist die Berücksichtigung von Klimaschutzaspekten in dieser Dichte sicherlich der richtige Weg.“

Soziale Wohnkonzepte

Einen ähnlichen Charakter weist auch das „Wohnquartier Neuss-Weckhoven“ auf. Wie Architekt Sebastian Reinehr (sop Architekten, Düsseldorf) und Landschaftsarchitekt René Rheims (Kraft.Raum, Krefeld) gemeinsam erläuterten, entstanden die 220 Wohneinheiten nach einem „Landeswettbewerb“, welchen das NRW-Bauministerium 2012 mit der Architektenkammer NRW durchgeführt hatte, als Ersatzneubau für vier Punkthochhäuser aus den 1960er Jahren, die städtebaulich nicht mehr tragfähig waren.

An ihrer Stelle erstreckt sich nun ein durchgrünter Bogen von Mehrfamilien- und Reihenhäusern, die teilweise frei finanziert, teilweise im geförderten Wohnungsbau umgesetzt werden konnten. Der soziale Aspekt wurde hier durch einen Quartierstreff und einen durchgehenden Wasserlauf betont, der für alle Bewohner*innen von hoher Attraktivität ist und die aktive Nutzung der Außenflächen anregt. „Zum Erfolg hat hier das Zusammenspiel von qualitätvollen, barrierefrei erschlossenen Wohnungen mit den attraktiven Freiflächen geführt“, zeigte sich Sebastian Reinehr sicher.

Umnutzung des Bestandes

Viele der Projekte, die in diesem Jahr in NRW am Tag der Architektur präsentiert wurden, stellten realisierte Beispiele für die Umnutzung von Bestandsgebäuden vor. Dazu gehörten zahlreiche Wohngebäude aus der Nachkriegszeit, die weiterentwickelt wurde.

Aber auch Sakralgebäude, die nicht mehr als Kirchen genutzt werden können und ein neues, zukunftsfähiges Konzept erhielten, lockten am Tag der Architektur ganze Besuchergruppen an. Besonders beeindruckend war dabei die Umwidmung der Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen zu einem Veranstaltungszentrum. Die „Parabelkirche“ von Architekt Josef Franke wurde in einem aufwändigen Verfahren, das von pbs architekten aus Aachen gesteuert wurde, der Öffentlichkeit „geschenkt“. Die Kirche, die von außen im Stil der Industrie-Backsteinarchitektur der 1920er Jahre beeindruckt, weist im Inneren parabelförmige Tragstrukturen auf, die nun bei Konzerten, Kleinkunstauftritten und Kongressveranstaltungen zu erleben sind.

„Bei solchen Vorhaben ist das Baurecht eine besondere Herausforderung“, schilderten Edgar Krings und Projektleiterin Helen Probst von pbs architekten den mehrjährigen Prozess. Kreative Planung sei insbesondere für die punktgenaue Beheizung des großen Raumes sowie für ein tragfähiges Akustikkonzept notwendig gewesen. „14 Millionen Euro Gesamtkosten, 52 große Baubesprechungen und die Arbeit im einem denkmalgeschützten, in der Fachwelt bekanntem Baukunstwerk“ nannte Edgar Krings als Rahmendaten für das Projekt, das nun zu einer Belebung und Aufwertung der Bochumer Straße in einem schwierigen städtebaulichen Umfeld führen soll.

Bauen für Kinder und Jugendliche

Zur Quartiersaufwertung soll auch das neue „Stadtteilzentrum Heckinghausen“ beitragen, das Projektleiterin Andrea Simon vom Gebäudemanagement Wuppertal am Tag der Architektur vorstellte. Das Bauwerk, das auf dem Gelände eines früheren Gaskraftwerks entstand, fällt optisch durch seine asymmetrische Fensteranordnung mit großen „Stadtteilfenstern“ auf, die auf seine besondere Funktion für das benachbarte Quartier hinweisen. „Das Haus ist seit seiner Eröffnung ein Selbstläufer, wir erfreuen uns einer sehr regen Nachfrage nach Kurs- und Gruppenräumen“, zeigte sich Andrea Simon mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Besonders stolz sei sie darauf, dass das neue Stadtteilzentrum als Passivhaus realisiert werden konnte. „Viele waren skeptisch; mein Kollege René Dietle und ich waren aber überzeugt, dass es gelingen kann.“

Wie sich das Planen und Bauen im nachhaltigen, umweltgerechten Sinne entwickelt, macht der Standort und die Nachbarbebauung hier besonders augenfällig: Das Passivhaus-Bürgerzentrum steht direkt neben dem historischen Gasometer von Heckinghausen – das heute als Ausstellungs- und Eventlocation genutzt wird.

Digitale Führungen

Einige Teilnehmer des „Tags der Architektur“ ergänzten ihre Vor-Ort-Führungen um Videopräsentationen, die in der Online-Bilddatenbank der Architektenkammer NRW verlinkt wurden. So stellte Architekt Markus Schmale aus Grevenbroich das Objekt „Höfe am Alten Wochenmarkt” in Dormagen mit einem Video vor, das auf YouTube zu sehen ist. „Es war mir wichtig, dieses außergewöhnliche Objekt auch Menschen zu vermitteln, die nicht am 18. oder 19. Juni nach Dormagen kommen konnten“, erläuterte Architekt Schmale.

Präsentiert wurde eine neue Siedlung mit modernen, barrierearmen Wohnungen in zentraler Lage von Dormagen, in dem der gewachsene Baumbestand und eine lebendige Nachbarschaft zu den markanten Parametern zählen. „Einen Ort zu entwickeln, der selbstverständlich im Einklang mit der Natur in den Dialog tritt – das war unser Ziel“, beschrieb Markus Schmale die Umsetzung und die Leitidee hinter dem Neubauprojekt des Wohnquartiers. Echte Gärten und viel Grün mitten in Dormagen spiegelten den Nachhaltigkeitsgedanken wider. „Auch die Bäume wurden als wichtiger Bestandteil in den Bau des Quartiers miteinbezogen und schaffen für die neuen Bewohner des Quartiers eine ganz besondere Wohlfühlatmosphäre“, führt Markus Schmale in dem Videoclip zum „Tag der Architektur“ aus, der auch weiterhin online abrufbar ist.

Umfassende Medienresonanz

Der „Tag der Architektur“ in Nordrhein-Westfalen traf auch in diesem Jahr wieder auf eine große Resonanz in den Medien. Neben den Tageszeitungen berichteten auch die Nachrichtenagentur dpa, ZEIT-Online, verschiedene Nachrichtenportale sowie Radiostationen und Fernsehsender wie der WDR in verschiedenen „Lokalzeiten“ über das Architekturfestival am 18. und 19. Juni in NRW. Ein lebendiger Austausch entstand auch in den sozialen Medien: Viele der beteiligten Architekturbüros berichteten individuell über ihre einzelnen Präsentationen vor Ort und vernetzten sich mit der AKNW, die entsprechend repostete.

Die Online-Bilddatenbank zum „Tag der Architektur 2022“ in Nordrhein-Westfalen ist auch weiterhin hier abrufbar.

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