Im „Haus der Architekten“ waren lediglich präsent (v. l.): Prof. Ulrich Nether, Kristina Hermann, Moderatorin Carmen Hentschel und AKNW-Vorstand Martin Müller – Foto: Christof Rose / Architektenkammer NRW

Klimaschutz - Corona – Digitalisierung

Klimaschutz - Post-Corona - Digitalisierung. Diese Themen standen im Mittelpunkt des ersten rein digitalen Innenarchitekt*innentages, der am 19. Juni live aus dem Haus der Architektinnen und Architekten gestreamt wurde. „Wir werden doch als Fachrichtung nach der Pandemie hoffentlich nicht in alte Muster zurückfallen“, gab AKNW-Vorstandsmitglied Martin Müller, Vorsitzender des Ausschusses Innenarchitektur, vor. Der Berufsstand müsse eine neue, entschlossenere Haltung entwickeln und einnehmen zur Umsetzung der Klimaschutzziele. Die Innenarchitektinnen und Innenarchitekten waren unter den Fachrichtungen am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen. Gleichwohl gelte das optimistische Motto: „Bangemachen gilt nicht.“ Die vielfältigen Beiträge und Kommentare der rund 250 Teilnehmenden zeigten, dass die Fachrichtung die positive Botschaft offenbar teilt. Das wurde auch in den Fachvorträgen der von Carmen Hentschel lebendig moderierten Veranstaltung deutlich.

21. Juni 2021Autor: Christof Rose

Mit „Nachhaltigkeit in Innenräumen“ befasst sich Hannes Bäuerle vom Büro „raumprobe“ in Stuttgart schon lange. „Wir halten uns immer länger in Innenräumen auf, damit steigt die Bedeutung der Raumluftqualität und des Raumklimas für uns alle“, unterstrich Bäuerle. Ihn interessierten besonders alte, tradierte Bautechniken, die mit nachwachsenden und natürlichen Baustoffen arbeiten. „Gesundes Material, nachvollziehbare Produktionswege und Lieferketten - das sind nachvollziehbare Kriterien, die wir unseren Auftraggebern als das ‚Planen von morgen‘ vermitteln müssen“, ermutigte Hannes Bäuerle seine Kolleginnen und Kollegen.

„Wir haben eine ganz neue Generation junger Leute an den Hochschulen, die mit Nachdruck auf das Thema ‚Nachhaltigkeit‘ achtet“, stellte Prof. Ulrich Nether einleitend fest. Er erläuterte mit Kristina Hermann das Konzept „Human Centered Design“, welches die Hochschule Detmold grundsätzlich verfolge. Die Leitfrage sei, welche Bedürfnisse die Menschen wirklich hätten; „nicht das, was die Konsumwirtschaft vorgibt“. Es gehe darum, nicht Dinge zu tun, die wir können, sondern die, die wir wollen. Die Lehre und Forschung an der Hochschule orientierten sich entsprechend an praktischen Anwendungen. Durch verschiedene Methoden und die Anwendung verschiedener Forschungsinstrumente und -labore könnten Studierende den Design- und Forschungsprozess nachhaltig erleben. In Planung sei die Gründung eines neuen „Instituts für Designstrategien“, das sich auf drei Forschungsfelder konzentrieren werde: Gesundheit & Design, Umwelt & Design, Digitalisierung & Design.

Die Arbeitswelt werde sich immer weiter digitalisieren, erläuterte Rafaela Sieber, Leiterin AR/VR-Systems Multimedia Solutions. Die Erweiterung der Realität durch digitale Informationen im Bereich der „Augmented Reality“ bzw. die vollständige Immersion in eine „Virtual Reality“ könne in der Planung die Kundenkommunikation deutlich verbessern und damit eine verlässlichere Planung (ohne Nachbesserungswünsche der Bauherren) ermöglichen. „Die Darstellung von Objekten, Möbeln und Oberflächen sind heute sehr ausgereift, sodass sich diese Technik gerade im Bereich der Innenarchitektur sehr eignet“, empfahl Rafaela Sieber. Grundlage sei eine BIM-Planungssoftware, ergänzend müsse die entsprechende Hardware angeschafft werden. Eine Investition, die sich für viele Büros schnell auszahle, zumal sich auch die Zusammenarbeit getrennt arbeitender Personen deutlich verbessern lasse.

Das „Kuratierte Studium an der PBSA“ stellte Prof.in Tanja Kullack vor. Auf Basis der Erfahrungen einer Kooperation mit der IBA Thüringen strebt das neue Studienformat in Düsseldorf ein disziplinübergreifendes, systemisches Lehren und Lernen vor. „Dabei sind Werte und Wertesysteme sehr wichtig“, unterstrich Tanja Kullack. Aufgabe der Innenarchitektur müsse es sein, eine Diversität der Perspektiven zu finden und daraus Lösungen zu entwickeln. „Wir versuchen, das dynamische Gefüge von Gesellschaft, Stadt, Raum, Objekt, Körper und Mensch zu fassen und darauf lösungsorientiert zu reagieren.“ Konkrete Beispiele aus Studierendenprojekten stellte Prof.in Barbara Hölzer (PBSA) vor.

„Chancen durch Veränderung“ lautete der zukunftsorientierte Titel des Vortrags von Prof. Dr. Markus Gabriel, Leiter des Instituts für Philosophie und Erkenntnislehre an der Universität Bonn. Als Philosoph gehe es ihm um das menschliche Handeln, und damit um die Ethik. „Wandel ist zwar gesellschaftliche Normalität - wir haben es aber gegenwärtig mit einem Stapelwandel zu tun, in dem verschiedene Problemebenen eng miteinander vernetzt sind und sich beeinflussen.“ Aus diesem Grund bräuchte es „public ethics“ und eine transdisziplinäre Lösungsorientierung: Alle Sektoren der Gesellschaft sind an jeweils anderen Sektoren interessiert und kooperationsbereit. Entscheidend sei dabei, dass die Gefühle der Menschen stärker beachtet werden müssten, denn das rationale Denken werde schlussendlich immer durch emotionale Entscheidungen überdeckt. „Deshalb ist ein Thema wie klimagerechtes Verhalten so schwer individuell umzusetzen.“

Ein Voting über die App Voxr zeigte, dass der Wille zur Veränderung unter den 350 Teilnehmenden stark ausgeprägt war. Prof. Gabriel zeigte sich überrascht: „Die Bereitschaft zur Veränderung ist wohl Ihrem Berufsstand innewohnend.“

 

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