Einst fuhren hier Kutschen: Die Bochumer Straße ist eine der Hauptzuwege aus Richtung Bochum/Essen in die Gelsenkirchener Innenstadt. Das Quartier grenzt an den Wissenschaftspark und leitet zum Hauptbahnhof. – Fotos: Christof Rose

Place to be statt No-Go-Area

Wie die Stadt Gelsenkirchen die „Bochumer Straße“ zu einem kreativen Quartier weiterentwickelt

17. August 2020Autor: Christof Rose

Die gute Nachricht vornweg: „Mitte 2019 hatten wir den Wendeunkt erreicht“, erklärt Helga Sander. „Seitdem bin ich mir sicher, dass sich die Bochumer Straße zu einem lebendigen und äußerst lebenswerten Ort entwickeln kann.“ Als die Diplom-Geografin 2016 die Geschäftsführung der fünf Jahre zuvor gegründeten „Stadterneuerungsgesellschaft Gelsenkirchen“ übernahm, hatte sie noch „viel Fantasie und Mut zur Vision“ nötig, um diese ungewöhnliche Aufgabe anzugehen. Überlegungen, Häuser günstig an junge Familien zu veräußern, waren bereits gescheitert. Die SEG setzt nun, gemeinsam mit der „Koordinierungsstelle Stadterneuerung und Städtebauliche Sanierung“ des Gelsenkirchener Stadtplanungsamtes, darauf, verfallende Häuser zu erwerben und zu sanieren, um anschließend insbesondere Studierende und junge Start-Up-Unternehmer mit attraktiven Mietangeboten zu locken. Ein Spaziergang durch die Bochumer Straße im Sommer 2020 zeigt: Das Konzept trägt erkennbar Früchte. Das Quartier, das zeitweise in den Medien als „No-Go-Area“ beschrieben wurde, könnte sich zu einem jungen Kreativquartier entwickeln. 50 Studentenzimmer sind bereits bezogen, die SEG führt inzwischen eine Warteliste insbesondere mit jungen Leuten, die in den Nachbarstädten Essen und Bochum studieren. Auch ein Szenetreff („TrinkhalleamFlöz“), ein Skater-shop, ein Plattenladen und verschiedene Start-Ups aus dem Design- und Web/IT-Segment haben sich bereits im neuen „Kiez Bochumer Straße“ angesiedelt.

Beim Spaziergang durch den Straßenzug fallen diese Neuansiedelungen ins Auge - können aber über die Probleme der Bochumer Straße nicht hinwegtäuschen. Die Straße ist eng und laut; viele Häuser sind massiv sanierungsbedürftig, einfacher Ladenbesatz dominiert. Im Gespräch mit den Motoren des Wandels wird aber deutlich, welche Potenziale in der Substanz und der Lage stecken. „Die von uns sanierten Objekte zeigen ja anschaulich, wie attraktiv die noch erhaltene Bebauung der Jahrhundertwende sein kann“, betont SEG-Chefin Helga Sander. Auch die Architektin Catrin Schenk, die aus Berlin zur SEG nach Gelsenkirchen wechselte, verweist auf die gewachsene Substanz mit Ladenlokalen im Erdgeschoss, Hinterhofbebauungen und Innenhöfen, die zu grünen Oasen mitten in der Stadt entwickelt werden könnten.

„Wir haben den Vorteil, wie ein freies Unternehmen arbeiten zu können“, erläutert Helga Sander. Innerhalb weniger Jahre konnte die Stadt-Tochter SEG rund 30 Immobilien im Quartier Bochumer Straße erwerben. „Damit setzen wir Impulse, die Strahlkraft entwickelt haben.“ Zu den ersten, die davon mitgerissen wurden, gehörte Dirk Oehlerking. Der frühere Motorsportprofi und heutige Designer und Entwickler hochwertiger Motorräder hat ein altes Gebäude an der Bochumer Straße erworben, in dessen Hinterhof früher die letzte Schmiede Gelsenkirchens ansässig war. Die „völlig verbaute“ Schmiedehalle hat Oehlerking in Eigenregie saniert, alte bauliche Qualitäten freigelegt und mit Hof und Vorderhaus zu einem Gesamtraum entwickelt, der künftig zur Straße geöffnet werden soll, um Kunstausstellungen, Lesungen, Musik und ähnliches für eine interessierte Szene zu offerieren. „Ich bin fest davon überzeugt, dass hier eine kreative Szene entsteht, die auch das arrivierte Kulturpublikum der ganzen Region anlocken wird“, sagt Dirk Oehlerking.

30 Hektar, 3000 Einwohner, 4,50 € Miete kalt

In der Tat ist die Einwohnerstruktur des Quartiers Bochumer Straße gegenwärtig eher noch durch viele soziale Probleme gekennzeichnet. Das einst stolze Viertel wurde nach der Nordwanderung des Steinkohlebergbaus zu einem Sammelbecken sozial benachteiligter und finanziell abgehängter Haushalte. In den letzten Jahren kam die Armutszuwanderung aus Südosteuropa hinzu. „Die durchschnittliche Miete betrug hier vor kurzem noch 4,50 Euro kalt“, berichtet Helga Sander. Um junge Start-Up-Unternehmer und Studierende anzulocken, arbeite die SEG mit Staffelmieten; für Mietwohnungen, aber auch für Gewerbetreibende, die sich ansiedeln wollen. Hier liegen die Mieten bei sechs bis acht Euro pro Quadratmeter; teilweise müssen Jungunternehmer in den ersten Monaten nur die Betriebskosten zahlen. „Wichtig ist ein Imagewandel“, glaubt auch Mario Hofmann, der das Team seitens des Planungsamtes der Stadt Gelsenkirchen seit 2014 ergänzt. Die Stadt verfolge ein umfassendes Sanierungskonzept für das gesamte Quartier, welches auch den Umbau der Bochumer Straße im Jahr 2022 mit neuem Straßenbelag, Tempo 30 und mehr Raum für Fußgänger, Radfahrer und Gastronomie umfasse. Auch kommuniziere die Stadt gezielt mit Einzeleigentümern, um sie zur Ent-wicklung ihrer verfallenden Häuser zu motivieren. „Wir sprechen auch Instandsetzungsgebote aus, um notwendige Sanierungsmaßnahmen durchzusetzen.“

Fördermittel von Bund und Land

Natürlich kann eine Stadt wie Gelsenkirchen, die seit langem massiv unter dem Strukturwandel leidet, ein solch ambitioniertes Stadterneuerungsprojekt nur unter der gezielten und geschickten Nutzung verschiedener Fördertöpfe realisieren. Dazu gehören Förderprogramme des Bundes und die Städtebauförderung des Landes NRW, darunter das „Modellvorhaben für Problemimmobilien“.

Auch die Stadterneuerungsgesellschaft SEG selbst kann Mittel aufbringen und reinvestieren: Durch die Entwicklung des ehemaligen Geländes der Kinderklinik im nördlichen Stadtteil Buer, wo gegenwärtig unter dem Namen „Waldbogen“ ein hochwertiges Einfamilienhausgebiet realisiert wird, konnte die SEG als Unternehmen zehn Millionen Euro einnehmen, die im Süden an der Bochumer Straße den Erwerb wichtiger „Schlüsselimmobilien“ finanzieren, die für den Erfolg des künftigen Kiezes unverzichtbar erscheinen. Etwa das markante Eckhaus mit der Nummer 99, in dem unten im Januar 2020 als Zwischennutzung „Tom‘s Corner“ eröffnet hat: Ein Antiquitätengeschäft, das Inhaber Tom seit 18 Jahren in Bochum betreibt und nun in die Nachbarstadt verlegen will. „Noch fehlt mir hier natürlich die Laufkundschaft“, räumt Tom im Gespräch ein. Wenn aber der Umbau der benachbarten Heilig-Kreuz-Kirche abgeschlossen sei, werde die gewünschte Zielgruppe für seine Designobjekte der 1920er bis -70er Jahre in das Quartier gelockt werden.

Der Umbau der profanierten, markanten „Parabelkirche“ von Josef Franke aus den frühen 1920er Jahren zu einem Veranstaltungsort, der für Konzerte, Theateraufführungen, Kleinkunst und Kongresse zur Verfügung stehen soll, wird im kommenden Jahr abgeschlossen sein. Auf dem Nachbargrundstück ist bereits ein Neubau mit barrierefreien Wohnungen und einer Kita realisiert worden. „Wir setzen einen neuen Baustein neben den anderen, bis ein Gesamtbild entsteht“, erläutert SEG-Architektin Catrin Schenk. Als Berlinerin habe sie von Anfang an den Charme des „kleinen Kiezes“ gespürt. Sie zeigt sich begeistert vom Spirit der Menschen, die bereits mit neuen Geschäften, Start-Ups und Ideen in die Bochumer Straße gezogen seien. An den Erfolg des Konzeptes glauben mittlerweile auch viele Fachleute. Die Stadt begrüßt regelmäßig Besuchergruppen von Stadtplanern und Politikern aus Städten, die ähnliche Problemviertel aufweisen. Manch einer lässt sich vom Optimismus Dirk Oehlerkings anstecken: „Man kann so viel aus dieser wunderbaren alten Bebauung machen. Kommen Sie wieder - Sie werden es sehen!“

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