Die Kirche Neu St Alban wurde 1957-59 aus den Trümmern des alten Opernhauses errichtet. - Foto: Dr. Frank Maier-Solgk

Retrospektive: Hans Schilling

Der Kölner Architekt Hans Schilling hätte am 4. April seinen 100. Geburtstag gefeiert. Schilling gehörte zu jenen als „Kölner Schule“ bekannt gewordenen Architekten, die in der Nachkriegszeit die zerstörte Rheinmetropole wieder aufbauten.

07. April 2021Autor: Dr. Frank Maier-Solgk

Am nördlichen Ende des Kölner Stadtgartens, des ältesten öffentlichen Parks Kölns, steht hinter Bäumen versteckt die Kirche St. Alban. Das Gotteshaus nebst Kindertagesstätte und Gemeindehaus ist einheitlich in hellen Backsteinziegeln erbaut. Erst nach und nach treten der fünfeckige Grundriss und die ungewöhnliche Kubatur der Kirche ins Blickfeld: das relativ steil ansteigende Schrägdach, das in einer turmartigen Rundapsis seinen höchsten Punkt (18 m) erreicht, ein zierliches Rundtürmchen an einer Ecke der geknickten Eingangsseite, das als Wasserfallrohr dient; die unregelmäßig in die Südfassade geschnittenen schmalen Fensterschlitze und schließlich ein flacher quadratischer Kapellenvorbau mit einem von Figurenfriesen umrankten Portal. In vielen Details erinnert St. Alban an die frühen romanischen Wehrkirchen zur Zeit der Ottonischen Kaiser. Neu St Alban, so der offizielle Name, ist aber natürlich keine romanische Kirche. Erbaut wurde sie zwischen 1957 und 1959 als Nachfolgebau von Alt St. Alban, dessen Ruine zwischen Kolumba und Gürzenich heute als Mahnmal an den Krieg erinnert.

Als Material dienten 400 000 der in Köln damals noch reichlich vorhandenen sogenannten Trümmerziegel, die aus der Ruine von Kölns Alter Oper am Rudolfplatz stammten; die Kosten ließen sich damit auf rund 400 000 Mark reduzieren – umweltschonendes Materialrecyling in kargen Zeiten. Architekt von St. Alban war Hans Schilling, den man also schon deshalb mit gutem Recht als Kölner Urgestein bezeichnen kann. Am 4. April wäre er 100 Jahre alt geworden.

Zusammen mit Rudolf Schwarz, Karl Band, dem ursprünglich aus Berlin stammenden Fritz Schaller und auch Gottfried Böhm gehörte Schilling zu jenen als „Kölner Schule“ bekannt gewordenen Architekten, die in der Nachkriegszeit die zerstörte Rheinmetropole in einer dezidiert modernen Formensprache, jedoch orientiert an den historischen Stadtstrukturen und oft auch den regional verbreiteten Materialien wieder aufbauten.

Hinzu kam eine an sakralen Themen interessierte Grundeinstellung, die auf künstlerischer Seite beispielsweise in dem Bildhauer Ewald Mataré einen für die Generation wichtigen Geistesverwandten besaß. Auch deshalb zeichnete Hans Schilling wie die anderen Vertreter der Gruppe für viele der damals neu errichteten Kirchenbauten im Rheinland und in Westfalen verantwortlich, deren Zahl in die Hunderte ging. Allein von der Hand Hans Schillings stammen rund 40 – nicht wenige von ihnen originelle Raum- und Formexperimente, die in Le Corbusiers berühmter Kapelle von Ronchamp ihr Leitbild besaßen.

Schillings erste Bauaufgaben fallen noch in die späten 1940er Jahre, als er im Büro von Karl Band gemeinsam mit Rudolf Schwarz am Neubau des Gürzenich beteiligt war; auch sein eigenes Wohnhaus am Gereonswall entlang der mittelalterlichen Stadtmauer entstand in dieser Phase. 1955 machte sich Schilling selbstständig. Die Bürogemeinschaften mit Heinz Schwarz und Edmund Fuchs ebenso wie später mit Peter Kulka hatten jedoch nur kurzen Bestand.

Hauptwerke auszuwählen fällt fast schwer: Neben St. Alban in Köln vor allem die Abtei Königsmünster in Meschede, St. Stephanus in Münster und die Kirche „Zu den heiligen Engeln“ in Wesel, Ende der 1970er Jahre das Maternushaus Köln. Auf profanem Gebiet ist das Gebäude der Handwerkskammer am Kölner Heumarkt (1956–1960) besonders charakteristisch; bei den Planungen für die Neumarktpassage in den späten 1980er Jahren hatte bereits Sohn Johannes die Ausführungsplanung übernommen.

„Die frühen Arbeiten meines Vaters waren wohl die architektonisch gelungensten, manches wie das Haus Timp am Heumarkt von 1949 könnte man gut in Architekturzeitschriften zum Thema machen“, meint Johannes Schilling, der nun schon seit vielen Jahren das eigene, gegenüber dem Elternhaus gelegene Architekturbüro Büro Schilling + Partner leitet. „Wir haben uns bestens verstanden, waren architektonisch aber oft nicht einer Meinung.“ Dennoch fällt es nicht schwer, die Traditionslinien wahrzunehmen. Die Projekte von Schilling + Partner weisen nicht wenige kirchliche Bauaufgaben auf, allen voran das anspruchsvolle Gesamtkonzept für die Renovierung und liturgische Neuordnung des Mariendoms zu Hildesheim. Wie man es dreht und wendet – in Köln lebt eben die Tradition.

Weitere Infos zu Hans Schilling bzw. Objekte auf www.baukunst-nrw.de.

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