Impulse für den Schulbaukongress NRW 2022 kamen von (v. l.): Moderatorin Britt Lorenzen, AKNW-Präsident Ernst Uhing, Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Christoph Gusovius (Leiter Zentralabteilung im NRW-Ministerium für Schule und Bildung) sowie Barbara Pampe (Vorständin Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft) – Foto: Michael Bause / Architektenkammer NRW

Schulbaukongress: Schulen fit für die Zukunft machen!

Ein „Schulinvestitionsprogramm“ hat sich die neue Landesregierung vorgenommen. In Köln werden in den kommenden Jahren 54 Schulen neu gebaut, in Düsseldorf 44. - Vor diesem Hintergrund fand am 16. August der dritte „Schulbaukongress NRW“ statt.

23. August 2022von Christof Rose

Rund 150 Interessierte Architektinnen und Architekten aller Fachrichtungen, Pädagog*innen und Schulverantwortliche sowie Mitarbeitende aus Kommunen und von Schulträgern trafen sich auf Einladung der Architektenkammer NRW, des Landesministeriums für Schule und Bildung sowie der Montag Stiftung Jugend und Schule in der „Bildungslandschaft Altstadt Nord“ in Köln, um zu diskutieren, wie diese notwendigen Investitionen auch baulich zukunftsfähig umgesetzt werden müssen. 

„Es gilt, Modernisierungen und Neubauten den Zielen des Klimaschutzes entsprechend zu planen“, stellt Ernst Uhing, der Präsident der Architektenkammer NRW, als eine wichtige Anforderung an modernen Schulbau heraus. „Damit können Schulgebäude Vorbildfunktion sowohl in technischer als auch in pädagogisch-didaktischer Hinsicht übernehmen.“

Vorbildliche Orte des Lernens und Lebens

NRW-Schulministerin Dorothee Feller hatte im Vorfeld des Kongresses betont: „Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens und Unterrichtens, sondern vor allem auch ein Begegnungs- und Sozialraum. Ein Aspekt, der durch die Schulschließungen der vergangenen Pandemiejahre noch deutlicher in den Vordergrund gerückt ist.“ Deshalb seien moderne und gut ausgestattete Schulgebäude sehr wichtig. Christoph Gusovius, Abteilungsleiter im Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW, räumte auf dem Schulbaukongress ein: „Wir alle wissen, dass wir einen riesigen Investitionsstau haben und dass wir dringend neue Schulen brauchen.“ Das vorgesehene Schulinvestitionsprogramm werde in den kommenden Monaten zwischen den beteiligten Akteur*innen ausgehandelt. Das Land setze darauf, nicht nur Masse, sondern auch Klasse zu bauen: „Wir wollen auch Leuchttürme schaffen, die neue Schule sichtbar machen“, so Christoph Gusovius. Dazu kündigte er gemeinsam mit AKNW-Präsident Ernst Uhing auf dem Kongress an, noch in diesem Jahr den nächsten „Schulbaupreis NRW“ auszuloben.

Bereicherung für das Quartier

Zeitgemäßer Schulbau erfordert größtmögliche Multifunktionalität im Sinne neuer pädagogischer Konzepte sowie hohe Innenraumqualitäten. Als Ort des Lernens und des Lebens muss Schule differenzierte Angebote an Raumqualitäten in funktionaler und atmosphärischer Hinsicht bieten und gleichzeitig den neuen Anforderungen an Digitalisierung und Nachhaltigkeit entsprechen. Schulen sollen auch nicht länger nur monofunktional für den Unterricht zur Verfügung stehen, sondern zunehmend auch durch die Bürgerschaft vor Ort genutzt werden können. Sie öffnen sich damit in das Quartier; die klassischen Lernorte können damit zu multifunktionalen Lebensorten für die Stadtgesellschaft werden – sofern die baulichen Voraussetzungen erfüllt sind. Nicht zuletzt wünschen sich Bürgerinnen und Bürger Schulgebäude, die über ihre Architektursprache zur Identifikation mit dem Quartier beitragen können.

Barbara Pampe, Vorständin der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, erläuterte, dass mit dieser Zielrichtung gegenwärtig in einigen Pilotprojekten neue Wege erprobt würden, etwa unter Einbindung von Schülerinnen und Schülern in die Phase 0. Eine große Herausforderung sei die Arbeit mit dem Gebäudebestand, denn der Umbau der alten Typologie sei schwierig. „Vielleicht passen alte Kaufhäuser oder Büroimmobilien viel besser – da müssen wir auch experimentell arbeiten“, erklärte Barbara Pampe. Allerdings basierten viele baurechtliche Vorgaben und Normen noch auf den Vorstellungen von „alter Schule“. Aus Sicht der Vorständin der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft ist ein Umdenken notwendig: „Wenn wir zukunftsfähige Schulen planen und bauen wollen, müssen wir die Richtlinien und Standards neu denken und anpassen. Nur eine neue Schulbaupraxis kann innovativen Schulbau in der Breite ermöglichen.“

AKNW fordert Wettbewerbe für Schulbauten

Die vielfältigen Anforderungen an zeitgemäßen und zukunftsfähigen Schulbau wurden auf dem „Fachkongress Schulbau NRW“ in Vorträgen und Gesprächsrunden zur Diskussion gestellt. Zudem zeigten Beispiele aus Forschung und Praxis, wie innovative Schulkonzepte baulich umgesetzt werden können. 

Für Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker war klar: „Nur mit Bildung werden wir die Herausforderung des 21. Jahrhunderts bewältigen können.“ Deshalb habe sie die Bildung ganz oben auf die Agenda gesetzt. Wie Henriette Reker ausführte, vergebe die Stadt Köln erstmals Aufträge für den Schulneubau systematisch an Generalunternehmer; „wir konnten das mit Bordmitteln nicht stemmen.“ Es gebe keine Denkverbote: „Wir funktionieren auch nicht genutzte Büroräume in Klassenräume um, wir bauen modularer und schneller.“ Dieser fordernde Prozess sei eine Investition in die künftigen Generationen, die unvermeidlich sei. „Schulen sollen Motoren der Innovation sein, denn sie gestalten die Zukunft – in doppeltem Sinne“, unterstrich Ernst Uhing, der Präsident der Architektenkammer NRW. Das Investitionsprogramm des Landes sei ein richtiges und wichtiges Projekt, das genutzt werden müsse, um Nachhaltigkeit umzusetzen. Bauliche Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit solle auch für die Kinder und Jugendlichen deutlich sichtbar und spürbar werden. An die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker gerichtet rief Ernst Uhing dazu auf, Wettbewerbe auszuloben. „Das ist das Beste, was sie tun können“, sagte Präsident Uhing unter dem lauten Applaus des Publikums. 

„Eine gelungene Schullandschaft“

Ein ganztägiger Lern- und Lebensort für Schüler*innen, funktionale Räume für einen modernen, inklusiven Unterricht, und ein Beitrag zum Stadtteil – das seien drei zentrale Grundelemente, die eine gelungene Schullandschaft ausmachen, erklärten Anne Lena Ritter und Michael Gräbener vom Schulentwicklungsamt der Stadt Köln. Im Jahr 2006 hatte der Rat der Stadt Köln eine Kooperation mit der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, um ein Pilotprojekt zur „Bildungslandschaft Altstadt Nord“ (BAN) zu starten. Es ging dabei um eine neue, geschlossene Konzeption für verschiedene Schulformen und Jugendförderangebote: Erneuerung des Bestandes, Um- und Ergänzungsbauten, Neubauten. Der Anspruch war, alle Beteiligten schon in der Phase 0 einzubinden, offene Lehrformen zu ermöglichen und individuelle Förderung umsetzen zu können. Nicht zuletzt sollte die „BAN“ einen Beitrag zum Sozialraum leisten. „Dazu haben wir in Workshops Aktivitäten und Bedarfe beschrieben – keine Raumkonzepte, denn das ist die Kernkompetenz der Architektinnen und Architekten“, hob Michael Gräbener hervor. Im Dezember 2012 erfolgte die Auslobung eines zweiphasigen Wettbewerbs, dessen Ergebnis die einstimmige Vergabe an gsa gernot schulz architekten war.

Das Konzept der Bildungslandschaft bot u.a. den Vorteil, gemeinsame Bedarfe der unterschiedlichen Schulformen in einem zentralen „Studienhaus“ zusammenzufassen. Zudem gibt es Räume, die getauscht werden können. Besonders haben Ritter und Gräbener hervor, dass auch ein markantes Bestandsgebäude wie das 120 Jahre alte Hansagymnasium an die zeitgenössischen Anforderungen angepasst werden konnte. Das Projekt habe „unendlich viel Zeit gehabt, weil es ja als Pilot gedacht war“, erläuterte Michael Gräbener. Der Kostenkennwert der 300/400 Kosten lagen bei 1.762 € - der Vergleichswert für Kölner Schulen bei über 1.800 Euro. „Auch unsere Recherchen in anderen Kommunen hat gezeigt: Die neuen Raumkonzepte kosten keinen Cent mehr.“ Es werde nicht teurer, sondern qualitativ hochwertiger.

Digitale Konzepte für Schulen

Andreas Niessen (Leiter Gesamtschule Helios, Köln) und Richard Heinen (Geschäftsführer learninglab gGmbH, Köln) stellten Konzepte für die „digitale Schule“ vor. „Wir müssen unsere Kinder und Jugendlichen auf eine immer digitalere, aber auch immer unsichere Welt vorbereiten“, erläuterte Schulleiter Niessen das Konzept der (noch jungen) Helios-Gesamtschule. Man brauche Beziehungen und Teamgeist, um flexibel auch digital Lehren und Lernen zu können, meinte Andreas Niessen. Er stelle sich Unterrichtskonzepte vor, die nicht in Schubladen (und klassischen Fächern) dächten, sondern thematisch arbeiteten. Wie die Schülerin Leyla erzählte, gibt es regelmäßig Meetings der ganzen Klasse, aber vielfach Arbeiten in kleinen Gruppen oder auch einzeln. „Oft ohne Lehrer – das hat auch sehr gut geklappt“, berichtete Leyla augenzwinkernd. Das Arbeiten verlaufe stark in Eigenverantwortung der Kinder und Jugendlichen. Für Schulleiter Andreas Niessen stellte sich damit auch die Frage, welche Räume künftig benötigt werden. 

Netzwerk Nachhaltige Unterrichtsgebäude

Thomas Rühle, Prokurist vom ÖkoZentrum NRW in Hamm, stellte planerisch-technische Ansatzpunkte für nachhaltigen Schulbau vor. Das Ökozentrum bilde Energie- und Nachhaltigkeitsberater aus. Im Rahmen eines BBSR-Forschungsprojektes habe das Ökozentrum von 2020 bis 2022 die „Umsetzung Netzwerk Nachhaltige Unterrichtsgebäude“ realisiert. Das Projekt trage sich noch nicht selbst, sodass der Bund die Förderung noch einmal verlängert habe.

Das „Netzwerk Nachhaltige Unterrichtsgebäude“ umfasse aktuell 151 Akteur*innen, darunter Landes- und Kommunalebene sowie viele unabhängige Beraterinnen und Berater (www.nachhaltigesbauen.de). Inhaltlich habe man drei Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit Argumentationshilfen und Umsetzungsbeispielen, mit Lernkonzepten und Nutzer*innenbeteiligung sowie mit Bautechnischen Konzepte befassen, berichtete Thomas Rühle. „Es gibt schon viele gute Projekte, die aber oft noch Piloten sind“, meinte Thomas Rühle. „Wir müssen aber gemeinsam in die Breite kommen!“ Ein kommunaler Vorreiter sei die Stadt Essen, die alle Schulgebäude nach Wettbewerben durchführe.

Beispiele für klimagerechtes Bauen

Aus der Planungspraxis berichtete der Bielefelder Architekt Kai Brüchner-Hüttemann, der mit seinem Büro bhp in den letzten Jahren mehrere Schulprojekte realisiert hatte. „Wir müssen die solare Aktivierung von Bauwerken und die Recyclingfähigkeit der eingesetzten Materialien von Anfang an in unsere Planungen integrieren“, warb Brüchner-Hüttemann. Anders als noch vor einigen Jahren versuche sein Büro heute gezielt, den vorhandenen Gebäudebestand zu nutzen und zu qualifizieren; das fließe auch grundsätzlich in die Gespräche mit Auftraggebern ein. Als Beispiele stellte Kai Brüchner-Hüttemann den Grundschulverbund Bonhoeffer-Heinrich in Paderborn, die Grönenbergschule in Melle sowie das Max-Planck-Gymnasium in Bielefeld vor.  

Workshops und Führungen

Der Nachmittag des Schulbaukongresses war der Arbeit in Workshops sowie dem Kennenlernen der „Bildungslandschaft Altstadt Nord“ in Führungen vorbehalten. So berichteten etwa die Innenarchitektinnen Barbara Eitner und Birte Riepenhausen in einem Workshop von 50 Interessierten, wie sie mit ihrem Düsseldorfer Büro null2elf Schulen in der Weiterentwicklung fachlich beraten. Ihre Erfahrungen aus mehr als 50 Schulprojekten habe gezeigt, dass jede Schule individuell betrachtet werden müsse. „Es ist ein Unterschied, ob eine Grundschule im Neubaugebiet oder im sozialen Brennpunkt liegt“, spitzte Birte Riepenhausen zu. Ausgangspunkt sei immer die Bestandsanalyse. Auch hier lautete eine Conclusio: Es muss nicht immer der Neubau sein!

Als Praxisbeispiel stellten die Innenarchitektinnen ein Modellprojekt für Grundschule für die Stadt Meerbusch vor. Entwickelt wurde eine flexible Innenarchitektur mit mobilen Eigentumsfächern, an der Decke zu verankernden „Hängehöhlen“, verschiebbaren Sitzelementen für den individuellen Rückzug u.v.m. „Wir haben buchstäblich jeden Zentimeter genutzt“, erklärte Barbara Eitner. Wichtig sei zudem die Akustik und eine passende Beleuchtung; ggf. müssten verschiedene Lichtszenarien einschaltbar sein, je nach Nutzung des Raumes.

In der Diskussion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigte sich vor allem Frust über die Komplexität und Zeitzwänge von Förderprogrammen. Immer wieder zur Sprache kam auch der Brandschutz, der bei der Arbeit im Bestand dem Wunsch zur „Clusterschule“ oft entgegenstehe.
 

Teilen via