Zukunft auf der „Schäl Sick“: Der Deutzer Hafen im rechtsrheinischen Köln soll sich zu einem urbanen Wohnquartier entwickeln. Foto: cobe

Wie weiter wohnen am Wasser?

30 Jahre sind innerhalb von Stadtentwicklungsprozessen eine lange Zeit. Gesellschaftliche Voraussetzungen verändern sich; Planungsmaßstäbe können wechseln, und architektonische Ideen folgen zeitbedingten Vorlieben. Dies gilt auch für das Thema der Konversion von Handelshäfen, die seit den 1980er Jahren eine viel beachtete Rolle bei der Erschließung neuer urbaner Räume spielten.

29. Juli 2022Autor*in: Dr. Frank Maier-Solgk

Diese Aufgabenstellung bleibt bis heute aktuell, nicht zuletzt, weil in den Großstädten der Bedarf an Wohnraum wächst. In Nordrhein-Westfalen haben viele Städte an Flüssen darauf reagiert und neue urbane Flächen erschlossen, von Minden über Münster und Gelsenkirchen bis nach Duisburg und zu den Metropolen am Rhein. In Köln begann die Entwicklung des Rheinauhafens 1992 mit dem Plan von BRT vor 30 Jahren, in Düsseldorf bildete vor 40 Jahren der 1982 errichtete Fernsehturm von Harald Deilmann den Auftakt der Entwicklung des Medienhafens. Beide Fälle sind nicht zuletzt deshalb interessant, weil die Hafenentwicklung in beiden Metropolen nicht weniger als zur Etablierung neuer städtischer Wahrzeichen führte.

Rheinauhafen Köln

Nach der Verlagerung der Hafenfunktionen in den Kölner Norden, die den Umbau ermöglicht hatte, schrieb die Stadt Köln Anfang der 1990er Jahre einen Ideenwettbewerb aus, den das Büro Bothe Richter Teherani (BRT) mit dem Vorschlag dreier mächtiger Kranhäuser gewann, die von den Wolkenbügelhäusern des russischen Avantgardekünstlers El Lissitzky von 1924 inspiriert waren. (Umgesetzt wurde die Workshopüberarbeitung von Bothe Richter Teherani, Busmann und Haberer, Linster, Schneider-Wessling und Abbing.)
Die erst 2010 fertiggestellten Kranhäuser bilden seitdem als Landmarke den optischen Mittelpunkt des Rheinauhafens, der im Unterschied zum  Düsseldorfer Medienhafen eine Gesamtkonzeption mit aufeinander abgestimmten Gebäudekubaturen erkennen ließ und den gesamten, zwei Kilometer langen Streifen der Halbinsel umfasste: Während der Dreiklang der Kranhäuser wie eine vertikale Klammer wirkt, betonen die lang gestreckten, erneuerten historischen Trakte – vor allem „Wohnwerft“ (Oxen + Römer und Partner GbR) und „Siebengebirge“ von 1909 (Umbau: Prof. Kister, KSG Köln) die Linearität. Das Ergebnis war eine großmaßstäbliche Lösung, die nicht zuletzt in ihrer Fernwirkung von der Deutzer Seite mit dem Dom als Abschluss der Silhouette überzeugt. Es entstanden 700 Wohneinheiten (überwiegend Eigentum), die ein Drittel der bebauten Fläche einnehmen. Die Hälfte der Fläche ist Büros, Dienstleistungsunternehmen und Gastronomiebetrieben vorbehalten, während knapp 20 Prozent für Kunst und Kulturangebote zur Verfügung stehen.
Die Freiraumgestaltung (FSW Landschaftsarchitekten) mit kombinierten Natursteinpflaster, Betonplatten sowie einigen hafenhistorischen Details wirkt urban-geschlossen zur Stadt hin, zum Rhein hin offen und großzügig, wobei das Maß an Begrünung eher gering ausfiel und von heute gesehen eine Ergänzung vertragen könnte. Der Rheinauhafen ist – auch aufgrund der vorzüglichen Erschließung - besonders an Wochenenden auch als touristische Destination gut besucht. Familien mit Kindern sieht man jedoch wenig; die attraktive Wohnlage am Wasser mit einem entsprechenden Preisniveau lässt vermuten, dass ein Teil der Wohnungen nicht dauerhaft bewohnt werden.

Deutzer Hafen Köln

Nachfolge findet die Erschließung flussnaher Areale in Köln derzeit auf der gegenüberliegenden Rheinseite im Deutzer Hafen Köln, wo man vor kurzem damit begonnen hat, auf dem fast 38 Hektar großen Gelände ein urbanes, gemischt genutztes Quartier zu entwickeln. Auf der Landseite wird dieses Areal noch heute von dem Großkomplex der historischen Auer- und Ellmühle beherrscht, während sich kleinere, industrienahe Betriebe und die naturgeschützten Poller-Wiesen die Fläche der Halbinsel teilen. Hier also, in einer höchst attraktiven Lage mit Blick auf Dom und Altstadt, soll ein Quartier mit 3.000 Wohnungen und 6.000 Arbeitsplätzen, mehreren Kitas, einer Grundschule sowie Kultur und Freizeitangeboten entstehen. Die Bruttogrundfläche beträgt 560 000 m2, verantwortlich ist die Stadtentwicklungsgesellschaft modernestadt GmbH.
Auch im Deutzer Hafen hatte man parallel zum Erwerb der Grundstücke durch die Stadt Köln einen Wettbewerb für einen Rahmenplan ausgeschrieben, den 2017 das Kopenhagener Büro COBE in Zusammenarbeit mit Ramboll Studio Dreiseitl (Überlingen), Transsolar (Stuttgart) und knp.bauphysik (Köln) gewann. Auf dieser Grundlage entwickelten sodann die Stadt Köln, modernestadt und COBE den „Integrierten Plan“, der die wesentlichen Anforderungen – Umgang mit dem Bestand, Lärmemissions- und Hochwassermanagement, Mobilität, Nutzungsmischung, Infrastruktur etc. - bis ins Detail der Fassadengliederung oder hinsichtlich der Erdgeschossbelebung durch kleinteiligen Einzelhandel sowie kulturelle Leitgedanken ausformuliert. Auffallendstes Merkmal des Plans ist die von COBE eingeführte Idee einer rasterförmigen Blockrandbebauung („Deutzer Block“) mit abgestuften Traufhöhen und der Verbindung von Hochpunkten. Überblickt man die Renderings, so erhält das Gelände eine überwiegend dichte Bebauung, die durch sechs Plätze und drei Parkanlagen aber immerhin aufgelockert wird. Das Hafenbecken sowie die angrenzende Allee und die Freifläche Poller Wiesen werden als Klimaschneisen verstanden. 2021 wurde das Quartier von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. (DGNB) mit einem Vorzertifikat der Vergabeklasse Platin ausgezeichnet.
Als nächstes steht nach Auskunft von modernestadt die Vermarktung eines Baufeldes am südlichen Ende des Hafenbeckens an. Was die Mühlen betrifft, so werden nach dem aktuellen Rückbau nicht denkmalgeschützter Teile für deren Umwandlung weitere Konzeptvergabeverfahren entwickelt werden. Verschiedene Nutzungen, u.a. Wohnungen und nicht emittierendes Gewerbe, sollen sich hier die Flächen teilen. Entsprechend dem „Kooperativen Bauland-Modell der Stadt Köln“ sollen im gesamten Quartier 30 Prozent der Wohnungen öffentlich gefördert sein; weitere rund 20 Prozent der Flächen werden für preisreduziertes Wohnen (Baugruppen) vorgehalten. Auch zwei neue Brücken, eine für den Fuß- und Radverkehr sowie für Kfz, verbinden die Hafenareale. Den Wettbewerb hierfür hat die Arbeitsgemeinschaft Mayr Ludescher Partner Beratende Ingenieure PartGmbB / karlundp Gesellschaft von Architekten mbH gewonnen.
Mitte der 2030er Jahre, so die Spezialisten von modernestadt, soll das Projekt zum Abschluss finden. Wenn das Vorhaben gelingt, gewinnt Köln auf der vermeintlich „falschen“ Rheinseite ein Quartier, das seiner Lage wegen in der Stadt (fast) konkurrenzlos ist.

Medienhafen Düsseldorf

Den Auftakt zur Entwicklung des Düsseldorfer Medienhafens markierte der 1982 abgeschlossene Bau des Fernsehturms (Architekt Harald Deilmann) auf einem zugeschütteten Hafenbecken. In der Folge entstand ein Architekturmix in Form separat entwickelter Projekte mit prominenten Namen der internationalen Architektenszene, der auf bauleitplanerische Vorgaben verzichtete und sich zu einer Art architektonischer Visitenkarte der Landeshauptstadt avancierte. „Der Medienhafen“, resümiert Cornelia Zuschke, Baudezernentin und Beigeordnete der Stadt Düsseldorf, „bot das Gesicht einer Zeit und einer Dienstleistungskulisse, die für das Düsseldorf vor und nach der Jahrtausendwende typisch war.“ Mit den eigenentwickelten Solitären habe der Medienhafen zwar nicht der reinen Lehre entsprochen; „aber die Vielfalt dieses Potpourri besitzt für mich bis heute einen großen Charme“. Zudem verfügten die Bauten über eine hohe Qualität.
Die Weiterentwicklung der vergangenen Jahre, die die nächsten beiden aufgeschütteten Landzungen von Speditions- und Kesselstraße betrifft, hat nun zu gewissen Veränderung auch der Planungsprozesse geführt, war dabei aber von der spezifischen Situation der Nachbarschaft zu dem nach der Fusion mit dem Neusser Hafen immerhin drittgrößtem Handelshafen Deutschlands bestimmt. Nach der Einigung mit den ansässigen Unternehmen über die verschiedenen Nutzungsgebiete - zwei Linien bilden nun trennscharfe Grenzen zwischen den Bereichen Wohnen/Gewerbe sowie Gewerbe und  Industrie - hat man für die Kesselstraße auf der übernächsten Landzunge einen Bauleitplan entwickelt, der neben der Weiterentwicklung als modernem Bürostandort den Akzent vor allem auf die Freiraumgestaltung legt:
Zentrale Idee ist die Entwicklung einer Parklandschaft, die an vorhandene Strukturen einer „grünen Hafenpromenade“ anschließt. Während der Freiraum also mehr Aufmerksamkeit vor allem im Hinblick auf Begrünung erfährt, wird das Thema „Wohnen“ im Medienhafen Düsseldorf wohl schwierig bleiben, auch wenn auf zwei Restgrundstücken der Speditionsstraße gemischte Wohn- und Gewerbeprojekte vorgesehen sind. Im Hinblick auf eine größere Nutzungsvielfalt sind zwar die Ideen für die Ansiedlung des geplanten neuen Düsseldorfer Opernhauses vom Tisch, aber eine abendliche Belebung des Medienhafens auch durch kulturelle Angebote (neben sportlichen Angeboten) will Cornelia Zuschke nicht von vorneherein ausschließen.
Düsseldorf aber wäre nicht Düsseldorf, würde man nicht weiterhin gerade im Hafen die ortsspezifische Vorliebe für innovative und aufmerksamkeitsstarke neue Projekte weiter forcieren. Zwei der lokalen architektonischen Schwergewichte, HPP und Ingenhoven associates, planen Bauten, die über die Stadtgrenzen hinaus für Beachtung sorgen werden. HPP setzt mit dem Bürogebäude „The Cradle“ ein ambitioniertes Projekt nach dem „Cradle-to-Cradle-Prinzip“ um. Und Christoph Ingenhoven wird noch in diesem Jahr mit dem Bau eines mehrstöckigen, pavillonartigen Traktes auf dem Wasser beginnen. Damit entwickelt man eine den heutigen ökologischen Anforderungen angepasste neue Infrastruktur. Düsseldorf bleibt sich mit der Mischung aus Genialität und Extravaganz treu.

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