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Landtag NRW: Gebaut für die Demokratie

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    Landtag NRW mit vorgelagerter Fußgängerpromenade zwischen Altstadt und Medienhafen. Foto: fotolia

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    Prof. Fritz Eller in seinem Büro. Foto: Eller + Eller Architekten

Prof. Fritz Eller und sein Architekturbüro planten vor 30 Jahren das Gebäude des Landtags NRW. Ein Interview mit dem Architekten Fritz Eller, Thomas Becker und Dr. Stephan Malessa („Landtag intern“).

Transparenz, Offenheit, gleiche Augenhöhe von allen Beteiligten – das Landtagsgebäude verkörpert viele grundsätzliche Gedanken der parlamentarischen Demokratie. Die damalige Vorgabe der Politik, einen kreisrunden Plenarsaal zu bauen, machte der Architekt Prof. Fritz Eller zum Gestaltungsmerkmal des Gebäudes. 50 Jahre nach der Planung des stadtbildprägenden Bauwerks erinnert sich der Architekt im Interview mit dem Magazin „Landtag intern“an die Anfänge.

Herr Prof. Eller, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Ihr Entwurf 1980 als Sieger aus dem Architektenwettbewerb des Landtags hervorgegangen ist?

"Wir waren überglücklich, weil unser Entwurf ausgewählt wurde. Es gab, meine ich, 58 Entwürfe aus der ganzen Republik. Ich hatte niemals damit gerechnet. Es hat auch keinen zweiten Preis gegeben, die Jury wollte deutlich machen, dass dieser Entwurf mit großem Abstand zu den anderen Einreichungen zu sehen war. Im zweiten Augenblick ist mir bewusst geworden, dass sich mit diesem Sieg nun auch für uns als Büro viel ändern wird."

Inwiefern hat die Stadt Düsseldorf vom Neubau des Landtags profitiert?

"Düsseldorf konnte sich nun auch als Landeshauptstadt entwickeln. Der Landtag bzw. die Verwaltung waren vorher auf viele Gebäude und Viertel verteilt, mit dem neuen Landtagsgebäude wurden endlich alle in einem Gebäude vereinigt. Mit dem Landtag ist die Stadt Düsseldorf erweitert worden, nicht in einer städtischen Typologie, sondern mit der entsprechenden Würde. Düsseldorf ist damit großstädtischer geworden. Das alte Polizeipräsidium war als städtebaulicher Solitär vorher sozusagen die erlebbare Stadtgrenze im Süden von Düsseldorf. Denn da, wo heute die Handwerkskammer ist,war alles nur Feld. Der Landtag war damit auch der Auftakt für die Entwicklung des ganzen Medienhafens, aber auch der Stadt nach Süden."

Die Vorgabe des Landtags war damals,dass alle Abgeordneten und die Mitglieder der Regierung im Plenarsaal in einer „kreisrunden Anordnung“ sitzen sollten. Inwiefern haben Sie ausgehend von dieser Vorgabe die Architektur des Landtagsgebäudes entworfen?

"Durch diese Forderung ist der ganze Entwurf entscheidend beeinflusst worden. Der Plenarsaal war der erste Kreis, und darum herum haben wir dann die anderen Kreise angeordnet. Wir waren die einzigen, die diese Kreisform weitergedacht haben und mit der Geometrie gespielt haben. Wir haben gesagt, wenn der Plenarsaal kreisrund sein soll, so dass jeder den gleichen Blick und die gleiche Position hat (nicht wie in einer Schulklasse), dann gilt das doch erst recht auch für die Fraktionssäle und alle Säle, in denen miteinander diskutiert wird. Und so haben wir alle diese Räume kreisrund entworfen – eine Frage der Sinnhaftigkeit."

Ihren Entwurf haben Sie einmal als „Spiel mit Kreisen“ beschrieben. Was ist die Idee dahinter?

"Die wesentlichen Elemente dieses Gebäudes, Plenarsaal, Fraktionssäle, Ausschusssäle, waren alle rund, so dass ein Spiel mit Kreisen automatisch die Folge war. Dazwischen haben wir lediglich die Wandelhalle bzw. die Bürger- halle als große Lobby zwischen den kreisförmigen Einzelräumen angeordnet. So haben die Rundsäle des Gebäudes zu einer formalen Ganzheit geführt. Und nur die Büros sind sozusagen in Rundschalen angeordnet. Es war die folgerichtige Entwicklung aus den geforderten Bedingungen des Wettbewerbs.

Die runden Säle waren besonders für die Akustik eine enorme Herausforderung. Ein Kreis in seiner geometrischen Form ist ein Solitär. Wenn man Kreise einander gegenüber- stellt, bleiben diese für sich erkennbar, und die einzelnen Aufgaben der Räume bleiben so auch eigenständig in ihrer Funktion. Anders als wenn Räume seriell hintereinander geschaltet wären. Jeder Raum hat nicht nur die kreisförmige Form, sondern auch seine eigene Identität. Und somit sind die wesentlichen Elemente in diesem Gebäude auch immer gleich erkennbar. Funktionalität klingt daher hier zu verkürzt.

Es war das Ziel unseres Entwurfskonzeptes, die Erlebbarkeit dieser Räume zu inszenieren. Und es sollte selbstverständlich sein, wie alle diese Räume in einem großen übergeordneten Ganzen zusammenwirken und den parlamentarischen Betrieb unterstützen. Die Kreis- form, jeder Solitär, symbolisiert die einzelnen Fraktionen, jeder hat seine eigene Identität. Aber trotzdem gibt es eine gemeinsame Kraft, die alles zusammenhält. In der Demokratie ist das Spiel der parlamentarischen Abläufe komplex, und das Gebäude soll daher jeden Tag diese Abläufe unterstützen."

Im Landtag wurde viel Glas verbaut – etwa an der Außenfassade, beim Besucheraufzug und auf der Tribüne im Plenarsaal. Was wollten Sie damit zum Ausdruck bringen?

"Wir wollten natürlich, dass das Haus nicht schwer und geschlossen ist, wie es früher war, sondern transparent, offen und durch- schaubar, so weit wie möglich. Das ging so weit, dass wir sogar einen Aufzug gebaut haben, der gläsern und transparent ist, so dass man beim Auf- und Abfahren in alle Etagen herein- und herausschauen kann. Und der Rest des Glases war ja auch erforderlich für die Belichtung. Wir wollten einen tagesbelichteten Plenarsaal haben und Räume, aus denen man nach außen blicken kann. Jeder Saal hat eine Außen-Verbindung. Nur ein einziger Saal hat diese nicht, das war der Besucherbegrüßungssaal, weil man den verdunkeln muss, um Bilder zu zeigen. Jetzt, nach dem Umbau zum multimedialen Besucherzentrum, ist dieser Saal eine sehr gelungene Einrichtung für Besuchergruppen.

Vor allem war das Glas aber auch dazu da, dass die Räume, in denen es um Diskussion, um Konsens und Abstimmung geht, nicht verschlossen sind. Die Wandelhalle oben ist zur Eingangsseite ganz offen, voll- ständig gläsern und einladend. Allerdings auch deshalb, weil nur der Plenarsaal klimatisiert werden sollte und nicht die Wandel- halle. Somit haben wir in die Wandelhalle sehr viele große Türenfenster eingebaut, so dass diese immer geöffnet werden können, falls es sehr warm ist. Dann ist die ganze Halle wie eine Terrasse."

Wenn Sie den nordrhein-westfälischen Landtag heute mit anderen Parlamentsgebäuden vergleichen, was fällt Ihnen auf?

"Die meisten Landtagsgebäude sind Bestandsgebäude, die also nicht für den Zweck als Parlament geplant waren. Und dort, wo Umbaumaßnahmen stattgefunden haben, ist – mit wenigen Ausnahmen – oft die Saalform wenig hilfreich; in vielen Bereichen haben die- se keine Tagesbelichtung und auch keine Sichtverbindung nach außen."

Was ist Ihr Lieblingsplatz im Landtag und warum?

"Die Tribüne im Plenarsaal, weil man dort das Geschehen richtig mitkriegen kann. Im Plenarsaal sitzen alle Abgeordneten, da wird gesprochen und diskutiert. Das ist der wesentlichste Raum. Neben der Bürgerhalle ist das der Raum, wo der Bürger nicht nur das Gebäude besichtigen kann, sondern das Geschehen wirklich hautnah erlebt. Der Augenblick der Wahrheit."

Prof. Fritz Eller, geboren 1927, hat mit seinem Architekturbüro mit Sitz in Düsseldorf mehr als 50 Projekte umge- setzt. Darunter sind das „Dreischeiben- haus“ in Düsseldorf (Helmut Hentrich, Hubert Petschnigg mit Fritz Eller, Erich Moser, Robert Walter), das 1960 fertig- gestellt wurde, sowie die Beteiligung an weiteren bekannten Gebäuden: das Bayer-Hochhaus in Leverkusen, die Universität Duisburg und die Ruhr-Uni- versität Bochum. Weitere Objekte sind das „Ludwigforum“ in Aachen und das Schokoladenmuseum Köln. Außerdem war Prof. Eller 30 Jahre lang Professor und Lehrstuhlinhaber an der RWTH Aachen und dort Direktor des Instituts für Schulbau.

Den nordrhein-westfälischen Landtag finden Sie auch auf baukunst-nrw.

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