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Retrospektive: Otto Lindner (1929 - 2020) - Vernetzt handeln

"Architektur ist die Kunst, Gestaltung, Nutzung und Wirtschaftlichkeit optimal miteinander zu verbinden.“ Dieser Einstellung blieb Otto Lindner jeder Aufgabe gegenüber treu. Traditionell geschult, aber offen für Neues, engagiert für historische Bauwerke wie zeitgenössische Architektur, vom Handwerk her denkend, aber die Vorteile digitaler Techniken nutzend – in mehr als einem halben Jahrhundert hat Otto Lindner Spuren hinterlassen, die nicht immer auf den ersten Blick sichtbar sind.

Schloss Krickenbeck mit Rundturm, 1986 von Architekt Otto Lindner wiederaufgebaut - Foto: Martin Claßen, Köln

Otto Lindners Großvater war Stuckateurmeister in Düsseldorf. Er selbst lernte zunächst das Maurerhandwerk und schloss eine Lehre zum Bauzeichner ab, ehe er bis 1952 in Wuppertal und Idstein im Taunus Architektur studierte. Die Praxis des Planens und Bauens blieb seine Richtschnur, aber auch seine Leidenschaft. Noch als Studierender trat er dem Bund deutscher Baumeister (BDB) bei und blieb dieser Vereinigung über 67 Jahre hinweg verbunden.

2018 hatte er zur Jahresversammlung in die gerade erst fertig gestellten neuen Konferenzräume im Lindner Congress Hotel Düsseldorf eingeladen. Das heutige „Denkquartier“ spricht eine ganz und gar zeitgemäße Sprache – und kommt bei den Nutzern gut an; und doch wurde das Gebäude selbst schon vor fünfzig Jahren gebaut. Noch sind die Umbauten nicht ganz abgeschlossen, es fehlt noch die künftige Krönung mit einem gläsernen Aufbau, dem „Rooftop“ mit Lofts, Garten und Skybar. Eigentlich sollte dort am Seestern im linksrheinischen Düsseldorf ein Bürobau für eine Ölgesellschaft entstehen. Das verhinderte die Ölkrise der 1970er Jahre, und auch die Fluggesellschaft, die daraus ein Hotel machen wollte, zog sich zurück. Also bauten und betrieben Otto Lindner und sein damaliger Partner Josef Hellenkamp das Hotel selbst. Es wurde zur Keimzelle der Lindner Hotels AG mit heute 36 Häusern in Europa und 192 Mio. Euro Umsatz. Wie in der ersten Planung, so sind auch heute noch die unteren Etagen mit Büros belegt, darunter vom Architekturbüro Lindner. Die ebenfalls zur Lindner Unternehmensgruppe gehörende Baugesellschaft Gebau GmbH, die vom Bauträgergeschäft bis zum Fonds Management alles abdeckt, residiert gegenüber.

Viele Auftraggeber wie die Apotheker- und Ärztebank oder in jüngerer Zeit der Projektentwickler „die developer“ blieben dem Büro Lindner über Jahrzehnte verbunden, ob für eigene Entwürfe oder für die Ausführungsplanungen. So auch die frühere West LB für die Bürokomplexe Herzogstraße und Friedrichstraße in Düsseldorf, deren mehrfachen Umbau das Büro stets im Termin- und Kostenplan betreute, zuletzt im Auftrag der Nachfolgegesellschaft Portigon für den Umbau als Innenministerium NRW. Ein Vorteil dabei ist die Verfügbarkeit digitalisierter Baudaten zu den Projekten seit den 1980er Jahren.

Ebenfalls für die West LB entstand die Fortbildungsakademie auf Schloss Krickenbeck in Nettetal. Das geschichtsträchtige Schloss lag weitgehend in Trümmern, als Otto Lindner 1986 mit den Plänen zum Wiederaufbau begann, denn noch 1981 war eine Beihilfe zur Sanierung des seit 1969 leer stehenden Haupthauses abgelehnt worden wegen fehlender Nutzungsperspektiven. So nahm der Verfall seinen Lauf mit allen bekannten Folgen für Mauern und Holzwerk. Heute ist das Schloss ein Schmuckstück im damals neu erschlossenen Naturschutzgebiet der Krickenbecker Seen. Hauptschloss und Vorburg wurden denkmalgerecht restauriert. Neu errichtet wurde seitab im Garten ein Gästehaus mit Nebenräumen. Dieser Ziegelbau, dessen Fassade mit Mittelgiebel und Abseiten unter Schleppdächern entlang der Zufahrtachse zum Schloss an ein langgestrecktes niederrheinisches Hofgebäude erinnert, bildet tatsächlich ein Rechteck mit Innenhof. Dessen offene Rückseite wird von einem behäbigen Rundturm markiert – eine architektonische Antwort in der reduzierten Sprache unserer Zeit auf den sehr viel höheren Turm der Burg unter seiner neugotischen Haube.

Schon früh stellte Otto Lindner die Weichen für die Fortsetzung seiner Arbeit in seinem Architekturbüro wie in den Schwestergesellschaften, in denen seine Kinder Verantwortung übernommen haben. Heute steuern drei geschäftsführende Gesellschafter die Lindner Architekten KG. Der Senior verfolgte aber bis zuletzt alle Projekte, kommentierte und korrigierte. Ein besonderes Anliegen war ihm die Nachwuchsförderung: 2019 mit einem studentischen Wettbewerb für zwei Grundstücke am Seestern zwischen dem denkmalgeschützten Horten-Garten und bestehender Wohnbebauung am Rheinufer, ausgelobt von der Standortinitiative Seestern e.V., in der die Lindner Unternehmensgruppe weiter mitwirkt. - Architekt Otto Lindner verstarb am 1. Januar 2020 in Crans in der Schweiz.

Autor: Dr. Gudrun Escher