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Revisited: 50 Jahre Rheinkniebrücke

  • Das Bild zeigt die Rheinkniebrücke von der linksrheinischen Seite mit Mannesmannhochhaus und Behrensbau

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    Rheinkniebrücke von der linksrheinischen Seite mit Mannesmannhochhaus und Behrensbau – Foto: Frank Maier-Solgk

Die Vertikale bildet das stählerne Pylonenpaar, das mit seinen beiden Stielen stolze 114 Meter in den Himmel ragt. Von ihnen aus spannen sich jeweils vier harfenförmig angeordnete Kabelbündel zum Brückendeck hinab, das wie ein flacher horizontaler Strich die Flusslandschaft durchzieht und auf der linksrheinischen Seite in geschwungenen Rampen langsam ausläuft. Die Rheinkniebrücke, die in unmittelbarer Nähe von Landtag, Rheinturm und dem früheren Mannesmannhochhaus in exponierter Flusslage den Rhein überspannt, gilt ihres städtebaulichen Umfeldes, ihrer schlanken Linienführung und ihrer ungewöhnlichen Höhe wegen als die Krönung der sogenannten Düsseldorfer Brückenfamilie. Vor 50 Jahren, im Oktober 1969, wurde sie dem Verkehr übergeben. In der Ausgewogenheit von Vertikalität und Horizontalität ist ihr Erscheinungsbild nach wie vor überzeugend.

Genau dieser Eindruck von schwebender Leichtigkeit war vom Beigeordneten der Stadtplanung und späteren Düsseldorfer Baudezernenten Friedrich Tamms (1904 - 1980) beabsichtigt gewesen. Außer einer möglichst großen Spannweite des Schiffsverkehrs wegen sollte die neue Düsseldorfer Brückenfamilie, die die kriegszerstörten Brücken nach dem Krieg ersetzte, auch die Abwendung von der steinernen Schwerfälligkeit der vergangenen Jahrzehnte zum Ausdruck bringen.

Drei Brücken zu planen, in Sichtweite zueinander und mitten im Stadtzentrum gelegen, das bedeutete aber auch, sie nicht nur als reine Verkehrsbauten zu begreifen, sondern als Teil der Stadtsilhouette - mindestens so wie die Hochhäuser der Unternehmenszentralen. Entworfen hat die Brücke in Zusammenarbeit mit Tamms der Bauingenieur Fritz Leonhardt, der die Rheinkniebrücke und ihre beiden nördlichen Schwesterbrücken konstruktiv und ästhetisch einheitlich als Schrägseilbrücken gestaltete und auch durch Details wie die weißen Streifen an den Seiten der Fahrbahnträger ihre Gemeinsamkeit unterstrich. Dritter im Bunde war Erwin Beyer als Leiter des Brücken- und Tunnelbauamts. Die erste der drei Brücken, die Theodor-Heuss-Brücke (1955 - 1957), war zur Entstehungszeit die größte Schrägseilbrücke der Welt. Als zweites kam die Rheinkniebrücke an die Reihe. Den Abschluss bildete Anfang 1976 schließlich die „Oberkasseler Brücke“, die in einem ungewöhnlichen Verfahren nach ihrer Fertigstellung um knapp 50 Meter nach Norden auf die Pfeiler der Vorgängerbrücke verschoben wurde. Und doch ist die Ästhetik nur die eine Seite.

Mindestens so wichtig und zwar in zweierlei Hinsicht ist die städtebauliche Bedeutung der Brücken. So sind sie wesentlicher Bestandteil – bis heute spürbarer Bestandteil – eines städtebaulichen Konzepts der Nachkriegszeit, das der Verkehrsgerechtigkeit in der Stadtentwicklung oberste Priorität beimaß und das Stadtgefüge entsprechend in langgezogene, in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung verlaufende Schneisen mit begleitender Bebauung einteilte. In den Jahren 1948/49 erstellte Tamms einen Aufbauplan, der in der Stadt teilweise lange umstritten blieb und an einer wesentlichen Stelle erst heute eine Revision erfährt. Erst mit dem Abriss der innerstädtischen Hochstraße des sogenannten Tausendfüßlers nämlich erfolgte letztlich die Abkehr vom Prinzip der verkehrsgerechten Stadt, die nun zugunsten einer Abfolge von teilweise begrünten, fußgängergerechten Stadträumen korrigiert wird. 

Freilich bedeutete diese Umformatierung der Stadt den Verzicht darauf, das Ensemble von Hochstraße und den beiden architektonischen Ikonen Dreischeibenhaus und Schauspielhaus als möglichen Kandidaten für eine UNESCO-Weltkulturerbestätte ins Spiel zu bringen.

Wer die urbane Bedeutung der Rheinkniebrücke erkennen will, darf jedoch nicht nur an den täglichen Verkehrsstrom denken, der morgens von der linksrheinischen Seite in die Landeshauptstadt hinein- und abends wieder herausströmt. Er muss die Brücke wahrnehmen und erleben, wenn sie in der Japannacht im Mai, im August in der Dämmerung beim Feuerwerk für die größte Kirmes am Rhein oder an Sylvester zum Aufenthaltsort von Tausenden von Besuchern wird, die sich Jahr für Jahr an den Künsten der Feuerwerker erfreuen.

Dann ist die Brücke tatsächlich Stadtmittelpunkt, Aussichtsplattform und belebter öffentlicher Raum, der wie kaum ein zweiter Ort den Zusammenhang der Stadtensembles sichtbar werden lässt.

Autor: Dr. Frank Maier-Solgk