Der Vortrag von Dr. Matthias Fuchs (o.) wurde von zahlreichen Fragen und Anmerkungen aus dem Auditorium begleitet, die Markus Lehrmann moderativ im Gespräch mit dem Referenten klärte. Im Bild zu sehen das Objektbeispiel Vorklinikum Lübeck; Überarbeitung durch Behnisch Architekten mit cc concept gmbh. – Screenshot: Architektenkammer NRW

QNG: Das „Neue Normal“

QNG: „Das Thema wird kommen, wir können uns davor auch nicht wegducken – und ich kann nur alle dazu auffordern, sich entsprechend fortzubilden. Denn im Moment fehlen Auditoren.“ Mit einem flammenden Appell an die mehr als 530 online anwesenden Kammermitglieder schloss Dr. Matthias Fuchs am 4. August seinen Informationsvortrag über das Thema „Klimazertifizierungen – QNG“. Der Architekt, seit 2006 geschäftsführender Gesellschafter der „ee concept gmbh“ in Darmstadt und Experte für nachhaltiges Planen und Bauen, hatte zuvor in einem fundierten Vortrag Hintergründe, Struktur und Anforderungen des neuen „Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude“ (QNG) erläutert. – Auftakt zu einer Informationsoffensive der Architektenkammer NRW zum QNG.

05. August 2022Autor*in: Christof Rose

Mit dem „Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude“ etabliert die Bundesregierung gegenwärtig einen Standard, der eine klimapolitisch ambitionierte, ganzheitlich orientierte Förderung für den Neubau und die Modernisierung von Gebäuden vorantreiben soll. „Wir müssen klimagerecht Planen und Bauen – und zwar mehr, als wir es bisher getan haben.“ Mit dieser klaren Ansage begrüßte Ernst Uhing, der Präsident der Architektenkammer NRW, die mehr als 500 interessierten Kammermitglieder, die der ersten QNG-Infoveranstaltung der AKNW online folgten. Es sei deshalb richtig, dass der Gesetzgeber mit der neuenBundesförderung für effiziente Gebäude (BEG)“ die Anforderungen noch einmal verstärkt habe.

QNG als „das neue Normal“

„Für Architekten und Stadtplaner gilt es nun, neue Maßstäbe zu setzen und entsprechend zu agieren“, sagte Markus Lehrmann, Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer NRW, als Moderator des Infoabends. „QNG wird das ‚Neue Normal‘, zum Standard für Baugenehmigungen“, prognostizierte der Hauptgeschäftsführer der AKNW.

Mit Dr. Matthias Fuchs hatte die Architektenkammer NRW einen ausgewiesenen Fachmann gewinnen können, der sich schon sehr früh auf das Themengebiet des nachhaltigen Planens und Bauens spezialisiert hatte. „2002 war ich Assistent am Lehrstuhl von Manfred Hegger in Darmstadt - dem ersten Lehrstuhl für nachhaltiges Bauen in Deutschland“. Seitdem habe ihn das Thema nicht mehr losgelassen. Da der Gebäudesektor 50 Prozent der in Deutschland eingesetzten Energie verbrauche und auch die Hälfte aller Rohstoffe, hätte die Architektenschaft die Verantwortung und Verpflichtung, alles zu tun, um auf eine Reduktion beider Werte hinzuwirken.

QNG ist dabei kein weiteres Bewertungssystem. Stattdessen definiert das „Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude“ Anforderungen an bestehende Nachhaltigkeitsbewertungssysteme, stellte Dr. Fuchs heraus. Anerkannt sind bislang vier Zertifizierungssysteme: BNB, DGNB, NaWoh und BNK, welche die vorgegebenen Grundanforderungen erfüllen.

Drei Schlüsselfaktoren

Ein wichtiger Faktor für nachhaltiges Planen und Bauen sei die „Effizienz“. Gebäude müssten deutlich weniger Energie verbrauchen. Im Neubau sei die Effizienzstrategie in der Dämmung mittlerweile ausgereizt. Wichtig sei aber die Heiztechnik, die vor allem im Bestand deutlich optimiert werden müsse.

Die zweite Strategie betreffe die „Konsistenz“. Die Herangehensweise an das Planen und Bauen müsse insgesamt geändert werden. „Wir müssen unsere Gebäude künftig wie ein Segelboot errichten, das Umweltenergien einfängt und nutzt.“ In der Photovoltaik könnte der 2021 erreichte Beitrag von 51 TWh um den Faktor 4 auf 215 TWh gesteigert werden, rechnete Dr. Fuchs vor. Dazu müssten in den kommenden Jahren etwa eine Milliarde m2 PV-Fläche installiert werden – was der Größe Berlins entspreche. „Angesichts dieser Dimension sind wir Architektinnen und Architekten nicht nur technisch gefordert, sondern auch gestalterisch im Sinne der klimagerechten Entwicklung unserer Baukultur“, unterstrich Matthias Fuchs.

Der dritte Schlüsselfaktor für das klimagerechte Planen und Bauen sei die Suffizienz. Der Wohnflächenverbrauch von jetzt 48 m2 Fläche in Deutschland sei absurd. „Was ist angemessen?“ Diese Frage werde künftig immer häufiger zu stellen sein. Die aktuellen Strategien dieses heißen Sommers, Gebäude weniger zu klimatisieren und im kommenden Winter zu beheizen, seien wichtige Schritte auch zur Bewusstseinsbildung. „Es gilt, die drei Faktoren Effizienz, Konsistenz und Suffizienz zusammen zu denken“, betonte Dr. Matthias Fuchs.

Verzögerte Reaktion

„Warum geschieht all dies jetzt erst“, fragte Moderator Markus Lehrmann den Referenten. Die Kenntnis um die Notwendigkeit und auch die Kriterien seien schließlich schon lange bekannt. Nach Beobachtung von Dr. Matthias Fuchs habe sich ein echter Handlungsdruck erst mit dem 2-Grad-Ziel des Pariser Abkommens (2015) und mit der wachsenden Bereitschaft auch von Investoren, Klimaziele als Investitionskriterium zu betrachten, aufgebaut. „Wir brauchen aber auch Gesetze und Vorgaben – etwa wie die Stadt Düsseldorf, die alle eigenen Bauten nach dem DGNB-Platin-Standard realisiert.“ Die Menschen zum individuellen Handeln aufzufordern, reiche nicht aus. „Wir müssen an den Strukturen anzusetzen,“ Dies geschehe u.a. nun der „Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG)“, die seit dem 1. Juli 2021 gelte, und eben dem nun eingeführten „Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude“ (QNG).

Kriterien der Siegelvergabe

Das QNG wird in verschiedenen Stufen für Wohngebäude und Nichtwohngebäude vergeben. Wie Dr. Fuchs ausführte, gibt es für Wohngebäude vier Grundsatzziele, die jeweils in bestimmten Qualitätsstufen erfüllt werden müssen: „Treibhausgasemissionen und Primärenergiebedarf“, Materialeinsatz, Barrierefreiheit und die vertragliche Verpflichtung des Antragstellers zur Einhaltung der QNG-Vorgaben. Bei Nichtwohngebäuden gelten diese vier sowie zwei weitere Kriterien, nämlich die Analyse der aktuellen und künftigen Gefährdung des Gebäudes in Bezug auf Wetterereignisse (Risikogebiete für Erdbeben, Hochwasser, Sturm) sowie die Analyse des Gründachflächenpotenzials.

„Wir wissen, dass begrünte Dächer und Fassaden die Oberflächentemperaturen von Gebäuden stark senken kann“, unterstrich Dr. Fuchs. Die Hitzeentwicklung können dadurch um mehr als die Hälfte gesenkt werden. Als Beispiel präsentierte Dr. Fuchs die Überarbeitung des Vorklinikums Lübeck, das in Zusammenarbeit zwischen Behnisch Architekten und der ee concept gmbh um grüne Fassaden und verschattende Photovoltaikpaneele auf den Dächern ergänzt wurden.

Ablauf und Auditoren

Im praktischen Ablauf müsse schon in der Projektphase eines Bauvorhabens durchgesprochen werden, welche Zertifizierungsstufe angestrebt wird, sodass in der Entwurfsphase schon entsprechende Schwerpunkte gesetzt werden können. „Das geht nur im Team“, unterstrich Dr. Fuchs. Der Architekt könne nicht mehr im Alleingang bis zur Entwurfsabgabe durchplanen, sondern müsse im ständigen Austausch mit Fachplaner*innen stehen – TGA-Planer, Bauphysiker, etc. „Natürlich muss man dann auch mit dem Bauherrn die Honorierung regeln.“

Insgesamt sei der gesamte Prozess natürlich ein erheblicher Aufwand. Dazu bedürfe es eines Auditors oder Koordinators, der zwischen Planungsteam und Zertifizierungsstelle stehe. Matthias Fuchs empfahl allen EnergieEffizienzExperten, zu überlegen, ob sie nicht auch die Rolle des Auditors übernehmen könnten und sich entsprechend fortbilden wollten. „Es ist ja auch für die Abläufe gut, wenn nicht noch mehr Personen mit am Tisch sitzen.“

Was kostet die Zertifizierung?

Die Kosten für die Zertifizierung mit Personal und Gebühren lagen in Praxisprojekten, die Dr. Matthias Fuchs analysiert hatte, bei 40 000 – 60 000 Euro für ein Einfamilienhaus mit 140 m2 BGF; bei einem Wohngebäude mit 40 WE und 4500 m2 BGF bei 50 000 – 100 000 Euro und bei einem Nichtwohngebäude mit 15 000 m2 BGF bei 100 000 – 200 000 Euro. Mit der Förderung sei dies - rein finanziell betrachtet - nur bei Großprojekten wirtschaftlich.

Die notwendige Fortbildung sei in acht bis zwölf Tagen zu absolvieren und koste – je nach Angebot – etwa 1500 bis 4000 Euro.

Dass sich eine entsprechende Vorbereitung für ein Architekturbüro auszahlen kann, zeigen nicht nur die aktuellen politischen Vorgaben, sondern auch die hinterlegten Investitionssummen. So steige die Nachhaltigkeits-Förderung in diesem Jahr insgesamt auf etwa 10 Milliarden Euro, in 2023 seien 12 bis 14 Mrd. Euro geplant. „Man will jetzt sehr schnell zu einer breiten Sanierungswelle kommen.“

Diskussion

Der Vortrag von Dr. Matthias Fuchs wurde von zahlreichen Chat-Beiträgen aus dem Auditorium begleitet, dies sich vielfach auf Details der QNG-Kriterien bezogen, aber häufig auch kommentierenden Charakter hatten. Vielfach wurde der Aufwand bedauert, den die neuen Förderkulissen mit sich brächten.

Matthias Fuchs verwies darauf, dass mehr Klimaschutz im Planen und Bauen dringend notwendig und überfällig sei. Auch Moderator Markus Lehrmann stellte heraus, dass mit dem QNG ein Systemwechsel vollzogen werde, der langjährige Forderungen u.a. der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen aufgreife – nämlich Gebäude holistisch zu betrachten und die Förderung nicht an Erstellungskosten, sondern an Lebenszyklusbetrachtungen zu koppeln.

Fortbildungsangebote

Die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen hat mit ihrer Akademie bereits Angebote zur Fortbildung als QNG-Auditor*in aufgelegt. Die gesamte Themenreihe „Klimaschutz - Nachhaltiges Planen und Bauen“ finden Sie unter www.akademie-aknw.de/nachhaltigesbauen

Dr. Matthias Fuchs verwies ergänzend auf das Buch „Nachhaltigkeit gestalten“, das er mit weiteren Autor*innen für die Bayrische Architektenkammer geschrieben habe. Das Buch steht hier zum kostenlosen Download bereit.

Der Vortrag der ee concept GmbH zum QNG wird am 21. September (17.00 – 19.00 Uhr) wiederholt. Dann referiert Andrea Georgi-Tomas. Info und Anmeldung

QNG in Kürze

Der Bund fördert im Rahmen der „Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG)“ seit dem 1. Juli 2021 Nachhaltigkeitsaspekte durch eine eigene „NH-Klasse“. Der erforderliche Nachweis für die Förderung erfolgt über die Vergabe des gebäudebezogenen „Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude“ (QNG). Das QNG ist also ein staatliches Qualitätssiegel für Gebäude. Voraussetzung für die Vergabe des Qualitätssiegels ist ein Nachweis der Erfüllung allgemeiner und besonderer Anforderungen an die ökologische, soziokulturelle und ökonomische Qualität von Gebäuden. Die Erfüllung der Anforderungen ist durch eine unabhängige Prüfung nach Baufertigstellung anhand der abgeschlossenen Planungs- und Bauprozesse und auf Grundlage der Überprüfung ausgewählter realisierter Qualitäten nachzuweisen.

Die Bundesregierung will mit dem QNG ein einheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit fördern und gleichzeitig eine rechtssichere Grundlage für die Vergabe von Fördermitteln schaffen.   www.nachhaltigesbauen.de

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