drei moderne Gebäuderiegel nebeneinander
FH Bielefeld: 2015/16 errichteter Gebäudekomplex am Rand des Campus Nord (Auer + Weber Architekten) - Foto: Thomas Robbin

50 Jahre Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen

Der offizielle Titel lautet heute „Hochschulen für angewandte Wissenschaften“; daneben nennen sich manche heute auch noch „Technische Hochschulen“, was nicht immer ganz stimmt, denn das Lehrangebot der Fachhochschulen umfasst aktuell mehr als 100 verschiedene Master- und Bachelorstudiengänge – von A wie Architektur über D wie Design bis zu W wie Wirtschaftspsychologie. Vor 50 Jahren, am 1. August 1971, wurden die ersten acht Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen gegründet.

28. Juli 2021Autor: Dr. Frank Maier-Solgk

Am selben Tag hatte der Düsseldorfer Landtag das neue Fachhochschulgesetz verabschiedet. Anlässlich des Geburtstags hat die Landesrektor*innenkonferenz der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften e.V. eine Kampagne gestartet, Titel: www.unglaublich-wichtig.de, die von den Stärken der Einrichtung erzählt: vom engen Praxisbezug, der Kooperation mit Unternehmen und dem innovativen, am technischen Wandel und dem entsprechendem Bedarf orientierten Fächerangebot. Dass man daneben weiterhin auch das Promotionsrecht anstrebt, das die wissenschaftliche Kompetenz unterstreichen soll, fehlt nicht in den Geburtstagsansprachen.

Flächendeckende Verankerung

Die Erfolgsgeschichte der heute 16 staatlichen Fachhochschulen in NRW, die laut Gesetz „durch anwendungsbezogene Lehre und Studium auf berufliche Tätigkeiten im In- und Ausland vorbereiten“, ist am stetig wachsenden Zulauf ablesbar. Heute studieren 243 658 junge Menschen an den FHs des Landes, was etwa einem Drittel aller Studierenden entspricht, und rund sechs mal so viele sind wie im Wintersemester 1979/80. (Deutschlandweit sind etwa eine Million an Fachhochschulen eingeschrieben). Fachhochschulen sind, das wird als weiterer Vorteil nicht genug gewürdigt, im Unterschied zu Universitäten nicht auf großstädtische Zentren begrenzt. Sie liegen flächendeckend über das ganze Land verstreut: Die Fachhochschule Ostwestfalen-Lippe zum Beispiel hat ihre Einrichtungen mit jeweils eigenen Fachgebieten auf die Städte Höxter,  Lemgo und Detmold verteilt, die von Münster umfasst als Zweitstandort auch Steinfurt, mit weiteren Lehrangeboten in Ahlen, Beckum und Oelde. Die Bielefelder FH unterhält weitere Standorte in Minden und Gütersloh. Die tiefe Verankerung in der Fläche, die geschichtlich weit ins 19. Jahrhundert und die Epoche der Industrialisierung zurückreicht – die Fachhochschule Niederrhein hat ihre Wurzeln in der 1855 gegründeten „Höhere Webschule Crefeld“, an der die Arbeiter und Arbeiterinnen für die neue Webstuhltechnik ausgebildet wurden – diese Verankerung bedeutet für die Kommunen Standortförderung, für Architektinnen und Architekten ein wachsendes Aufgabenfeld – und für Studierende vermutlich nicht zuletzt die Vermeidung des Großstadtkampfes um günstigen Wohnraum.

Bildungskonzepte und ihre Bauten

Die Verankerung in der Fläche ist aber auch an einem großen und vielfältigem Gebäudebestand ablesbar: Die TH Köln ist mit 27 000 Studierenden die größte Fachhochschule des Landes. Sie nutzt Gebäude, die über die ganze Stadt verteilt sind, und bildet architektonisch über eine Spanne von 100 Jahren die unterschiedlichen Bildungskonzepte ab – wie die von Prof. Daniel Lohmann kuratierte Ausstellung „Hochschulbauten in Köln. Stadtgeschichte – Institutionen – Architektur“ (stiftung-findeisen.de/hochschulbauten) kürzlich deutlich machte. Von der repräsentativen Dreifügelanlage in der Claudiusstraße im Stil des Historismus aus dem Jahr 1907 über die Gebäude der 1920er bis 1960er Jahre am Ubierring in der Innenstadt bis zum funktionalistischen Großbau auf dem Campus in Deutz.

Diskussion um Campusentwicklung in Köln

Dessen Zukunft einschließlich des Ingenieurwissenschaftlichen Zentrums, das zwischen 1973 und 1978 errichtet wurde (Architekten: Bernhard Finner mit Walter Henn und Claus Wiechmann), steht seit geraumer Zeit in der Diskussion. Seit mehreren Jahren liegt ein Masterplan vor („Kern und Mantel“, kister scheithauer gross architekten und stadtplaner ksg, Köln, sowie Atelier Loidl, Berlin Umwelttechnik), der einen Teilneubau und wohl auch den Abriss des denkmalgeschützten Hauptgebäudes vorsieht und den neuen Campus mit dem umliegenden Wohnviertel enger verzahnen soll. Neue, bereits entschiedene Wettbewerbe für den Bau einzelner Institute warten noch auf die entsprechenden Umsetzungen.

Zukunft der 1970er-Jahre-Bauten

Die Gebäudebestände aus den 1970er Jahren sind es vor allem, deren Zukunftsaussichten heute in der Diskussion stehen. Die FH Düsseldorf verließ 2016 ihre vertraute Umgebung in Golzheim, wo sie einen zwischen 1962 und 1970 sowie 1975 und 1983 in zwei Phasen errichteten Komplex aus zwei- und dreistöckigen Gebäuden mit Innenhöfen (HPP) nutzte, der seinerzeit aus vorgefertigten Stahlbetonteilen montiert wurde. Während sie nun unter dem neuen Namen THD ihren neuen Campus im Stadtteil Derendorf belebt, ist in den Altbau nach einem Umbau die Robert-Schumann-Musikhochschule eingezogen. Ein stilgeschichtlich interessanter Bau ist der Hauptsitz der 1971 in Lemgo gegründeten FH Lippe (heutige FH OWL). Bei dem 2017 unter Denkmalschutz gestellten und sanierten Gebäude (Architekt: Staatliches Bauamt Detmold) handelt es sich um einen an den Stil des Brutalismus angelehnten Dreiflügelbau. Staffelgeschosse, eine gefaltete Glasfassade im Eingangsbereich, die auf gedrehten Stahlbetonstützen aufruht, mit graphischen Mustern gestaltete Fassaden-Elemente sowie ein von Künstlerhand entwickeltes Farbkonzept im Inneren dokumentieren das hohe Maß an Gestaltungswillen, das seinerzeit hier vorhanden war. Fast wehmütig erinnert es daran, wie wenig Farbe in vergleichbaren Hochschul-Anlagen heute zu finden ist. Altbau und neuer Campus in Münster An der Fachhochschule Münster erneuerte man die in die Jahre gekommenen Bestandsgebäude, sowohl in Münster wie in Steinfurt, in großem Stil. Während der historische und denkmalgeschützte Jahrhundertwendebau der Hüffer-Stiftung in Münster saniert und zum innerstädtischen Campus erweitert wird, das nüchterne Fachhochschulzentrum aus den 1970er Jahren hingegen aufgestockt wurde, erhält der Campus in Steinfurt eine komplette Neustruktur. Ein Großteil der einzelnen Gebäude aus den 1970er Jahren, die seinerzeit in Fertigbauweise entstanden und schon aufgrund der Raumhöhen nicht mehr den Anforderungen genügten, wird in den nächsten Jahren Neubauten weichen; das Büro Behnisch Architekten Partnerschaft mbH (Stuttgart) hatte 2020 hierfür den Masterplan entwickelt.

„50 Years of Future“ in Bielefeld

Letzte Station Bielefeld: Hier bezog die FH 2015/2016 einen neu errichteten Gebäudekomplex am Rand des Campus Nord (Auer + Weber Architekten) mit langer Magistrale und kammartiger Gebäudestruktur, die in die Landschaft hineinragt, wodurch die bisher auf vier Standorte in Bielefeld verteilten Fachbereiche an einem Standort zusammengeführt wurden. Man habe damit, so Ingeborg Schramm-Wölk, die Präsidentin der FH, der Hochschule nicht nur ein neues Gesicht gegeben, sondern die interdisziplinären Lehr- und Forschungsaktivitäten deutlich befördert. Immerhin bleibt man hier auch dem Altbau aus den 1960er Jahren treu, der saniert wurde und weiterhin genutzt wird. Das Jubiläumsmotto in Bielefeld gilt hier wie für die Fachhochschulen insgesamt der Zukunft: „50 Years of Future“ oder „50 Jahre Streben nach Zukunftsfähigkeit“. Was Zukunftsfähigkeit jedenfalls baulich und gestalterisch jeweils heißt, muss immer wieder neu diskutiert werden.

Weitere Info zu einigen FH-Gebäuden auch unter www.baukunst-nrw.de.

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