Den Ort deuten: Nachruf Dani Karavan (1930 - 2021)

Auf dem Vorplatz des nordrhein-westfälischen Landtags in Düsseldorf liegt die Stahlskulptur „Tzaphon“, die Dani Karavan für den Parlamentsneubau entworfen hat - war Karavan also ein Bildhauer? Zwischen Israel und Ägypten pflanzte er den „Way of peace“ als gleichmäßige, lange Reihe von Säulen in den Wüstenboden – war Karavan also ein Land Art-Künstler? Für die Tanzkompanie von Marsha Graham in New York und andere schuf er Bühnenbilder – war er also ein Bühnenbildner? Quer durch Cergy-Pontoise legte er eine drei Kilometer lange Achse – war er also ein Stadtplaner? Am Duisburger Innenhafen gestaltete er den „Garten der Erinnerung“ – war er also ein Gartenarchitekt?

29. Juni 2021von Dr. Gudrun Escher

Als Dani Karavan damit begann, mit und im Raum zu arbeiten, waren Environment oder Land Art noch keine gängigen Kunstbegriffe, aber er prägte sie auf seine besondere Art und Weise als engagierter Künstler, d.h. als einer, der eine Meinung zu den grundlegenden Fragen des Lebens, der Historie, der Gesellschaft hat und diese immer neu zum Ausdruck bringt. Zeichen zu setzen für Menschlichkeit, Frieden und Freiheit ist der Grundakkord in seinem Lebenswerk.
Geboren 1930 in Tel Aviv, im damaligen Gebiet des Völkerbundmandats für Palästina, erlebte er den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, dem engste Familienangehörige zum Opfer fielen, dann die frühen Jahre des Staates Israel, wo er in einem Kibbuz arbeitete, erlebte die kriegerischen Konflikte mit den Nachbarn und den Willen zur Aussöhnung unter Ben Gurion und später Jitzchak Rabin.
Wie er selbst erzählte, erfuhr er wesentliche Impulse aus der Erfahrung, wie ein Fußabdruck im Wüstensand Spuren hinterlässt, und später in Florenz beim Erlernen der Malerei al fresco – mit limitiertem Material, das keine Halbheiten erlaubt, untrennbar mit dem Ort und dem Auftrag verbunden. Seine wichtigsten Arbeiten sind im öffentlichen Auftrag entstanden.
In den späten 1970er Jahren betrat er die internationale Bühne mit Installationen für die Biennale Venedig, für Florenz und Prato und auf der documenta 6 in Kassel. Dort integrierte er in den Auenpark architektonische Formen, die als „Sehelemente“ neue Ein- und Aussichten anregten.
Mit dem am Ort Vorgegebenen zu arbeiten und dessen Bedeutung sicht- und spürbar zu machen, wird zum Leitmotiv seiner künstlerischen Mission. Seine ethische Grundhaltung machte ihn vor allem in Deutschland zum Protagonisten sinnstiftender Environments, ob für den „Weg der Menschenrechte“ in Nürnberg, das „Grundgesetz 49“ in Berlin, die „Passagen“ im Gedenken an Walter Benjamin in Portbou oder zuletzt das Denkmal für die verfolgten und ermordeten Sinti und Roma gegenüber vom Reichstag in Berlin. Erst nach endlosen Querelen 2012 eingeweiht, konnte die Installation um einen Teich dann nur mit Mühe vor der Zerstörung durch den U-Bahnbau gerettet werden.
Der „Garten der Erinnerung“ am Innenhafen in Duisburg nimmt in dem umfangreichen Oeuvre nicht nur wegen seiner Ausdehnung über ca. 300 mal 180 m Fläche eine Sonderstellung ein. Hier hat er keine stereometrischen Formen in das vorhandene Ambiente eingefügt wie in den Frühwerken oder noch für den Weg „Ma’alot“ in Köln vom Museum Ludwig zum Rhein hinunter, keine beschrifteten Säulen oder Glaswände aufgestellt. Nur Gras, Bäume und Büsche, deren Farbigkeit im Verlauf der Jahreszeiten wechselnde Landschafts-“Bilder“ schaffen. Alles Übrige ist (mit ganz wenigen Ausnahmen) aus der vorhandenen banalen Bebauung eines beliebigen Gewerbegebiets am Hafen herausgearbeitet, in ähnlicher Weise wie ein Bildhauer die Form aus dem rohen Steinblock befreit:
Grundmauern wurden zu niedrigen Betonbänken, von Lagerhäusern blieben die Grundplatten wie Bühnen stehen, überspannt von freigestellten Betontragwerken für Sheddächer, zwei Treppenhäuser sind als allein stehende Türme aus ihren Gebäuden herausgeschält, und Pionierpflanzen wuchern aus einem offen gelassenen Kellerfragment. Selbst der anfangs dort nicht vorgesehene Neubau einer Synagoge nach Entwurf von Svi Hecker wurde wie selbstverständlich integriert.
Der Innenhafen Duisburg war eines der Leitprojekte der IBA Emscherpark der 1990er Jahre. Der „Garten der Erinnerung“ konzentriert darin wie im Brennglas das Grundanliegen der Internationalen Bauausstellung: Industriekultur als einen Wert sui generis anzuerkennen, Geschichte als koexistente Gegenwart bewusst zu machen, und aus dem Nebeneinander neue Lebensqualität für die Menschen im Hier und Jetzt zu generieren.
„Die Welt heilen“, so formulierte Karavan selbst sein Anliegen zur selben Zeit, als Josef Beuys dazu aufforderte: „Zeige deine Wunden!“ Die Verletzungennicht überdecken, sondern offenlegen als etwas zum Leben Zugehöriges. Damit stößt er einen fortdauernden Prozess der Aneignung durch diejenigen an, die seine Environments erleben.              

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