Promotionsarbeit: Stipendiat Stefan Rethfeld untersucht in seiner Dissertation Leben und Werk des Architekten Harald Deilmann

Dissertation über Harald Deilmann: Offenheit als Prinzip

Die jüngsten Monate der Forschung standen im Zeichen der WestLB-Bauten. Diese stellen im Werk Deilmanns eine Schlüsselposition dar, verweisen sie doch auf wesentliche planerische Grundsätze und Auffassungen. Errichtet wurden Neubauten ab 1967 an den beiden Hauptorten Münster und Düsseldorf, Niederlassungen in Dortmund und Luxemburg, Umbauten in Frankfurt/M, Köln und Essen sowie Repräsentanzen in London und New York.

24. Januar 2012Autor: Stefan Rethfeld

Die jüngsten Monate der Forschung standen im Zeichen der WestLB-Bauten. Diese stellen im Werk Deilmanns eine Schlüsselposition dar, verweisen sie doch auf wesentliche planerische Grundsätze und Auffassungen. Errichtet wurden Neubauten ab 1967 an den beiden Hauptorten Münster und Düsseldorf, Niederlassungen in Dortmund und Luxemburg, Umbauten in Frankfurt/M, Köln und Essen sowie Repräsentanzen in London und New York. Der Standort Münster markierte den Beginn. Hier lernt Deilmann 1966 den Bankier Ludwig Poullain kennen, seinen im Rückblick vielleicht wichtigsten und prägendsten Bauherrn. Er bereitet seinerzeit die Fusion der rheinischen und westfälischen Landesbank zur Westdeutschen Landesbank Girozentrale (West LB) vor. Ebenso wie Deilmann drängt es ihn, bestehende Strukturen aufzubrechen, das Neue zu wagen, jedoch ohne revolutionären Akt, sondern durch Diplomatie und kreatives Geschick. Beide rhetorisch begabt, wirken sie in ihren Feldern und vertrauen sich blind im gemeinsamen Tun. Denn schon bald gilt es, der neuen Bank, der nunmehr größten der Republik, eine neue Gestalt zu geben. Deilmann, zunächst nur für Standortuntersuchungen in Münster und Dortmund engagiert, avanciert immer mehr zum generellen Denkpartner für den Bankchef, der ihn daraufhin zu einem beschränkten Wettbewerb mit vier Architekten einlädt. Im diesem gelingt es ihm, sich gegen die Büros von Helmut Hentrich, Hanns Dustmann und Manfred Ludes durchzusetzen. Die Jury unter der Leitung von Paul Schneider-Esleben lobt: „Die besonders differenzierte und vielfach abgewandelte äußere Gestaltung wurde bisher für Bankgebäude selten verwendet, ist aber für ein Bankgebäude dieser Art durchaus angemessen.“ Für Deilmann kommt diese Herausforderung zu einem günstigen Zeitpunkt. Denn hier kann er nunmehr die Raumstudien anwenden, die ihn seit geraumer Zeit fesseln. Erste Verwaltungsbauten hat er schon früh mit dem Rathaus Nordwalde (1957), Nordwest-Lotto (1958) und dem Kreishaus (1962) in Münster errichtet, weitere eher funktionalistische Ansätze in eingeladenen Wettbewerben für die Landeszentralbank Düsseldorf (1957) oder die Hamburger Elektrizitätswerke (1963) erprobt. Bereits beim Rathaus-Projekt Leverkusen (1964, unrealisiert) folgt Deilmann einer neuartigen Raumkonzeption, indem er beginnt, aussen- und innenräumliche Komponenten noch stärker als Ressource für eine eigenständigere Formgebung zu nutzen. Nicht länger Kisten, Kuben, Scheiben, sondern Baukörper in neuer Gestalt und vielfachem Bezug zur Umwelt. Früh von Alvar Aalto beeinflusst, dessen „themengetreuen, antiakademischen“ Formen (Bruno Zevi) ihn zeitlebens beeindrucken, verstärken auf mehreren USA-Reisen in den 1960er-Jahre insbesondere Bauten wie die Yale School of Art and Architecture (1958-63) des nahezu gleichaltrigen Paul Rudolph (1918-97) sein Interesse an einer Wiederbefreiung des Grundrisses, am frei horizontal wie vertikal fließenden Raum.Für Münster wählt er so eine stark terrassierte Anordnung mit der er gleichermaßen auf städtebauliche Belange sowie innere Raumstrukturen reagieren kann und die ihm Optionen für Änderungen sowie Erweiterungen bietet. Ursprünglich noch mit Turm versehen, wurde der in zwei Abschnitten realisierte Bau in der Planungszeit mehrfach verändert – was die Eleganz des Gebäudes jedoch nicht mindert. Die raumabschließende Fassade wird aus Cor-Ten-Stahlprofilen zusammengesetzt, ein horizontales Band aus weißen Sichtbetonteilen umfängt begehbare Terrassen und umlaufende Fluchtwegbalkone. Gerade diese elastische Bänderung wird später zum unverwechselbaren Markenzeichen der WestLB, für dessen graphisches Erscheinungsbild Deilmann ab 1968 auch mit Otl Aicher zusammenarbeitet.Nach Münster folgt ein kompakter und formenreicherer Neubau in der Dortmunder Innenstadt (1975-78) – mit mehreren Zugängen und öffentlicher innenliegender Passage. Ein Neubau für Luxemburg entsteht in den Jahren 1976-79, zeitgleich zu den Planungen für den Hauptsitz Düsseldorf, dessen Bauzeit sich bis in die 1980er-Jahre erstreckt.Im Rückblick ergeben die WestLB-Neubauten in ihrer Gesamtheit eine überraschende Bauausstellung, zeigen sie doch bei gleichem Erscheinungsbild ein Panorama unterschiedlicher Haustypen: Münster – die Landschaft, Dortmund – die Skulptur, Düsseldorf – der Block, Luxemburg – die Villa. Wenn sich die West LB im Juni 2012 auflösen wird, werden zwar die Schilder abgeschraubt, doch die Bauten wirken weiter. Sie künden von einer Zeit, als die junge Bundesrepublik begann, sich vom „Packeis“ (Hermann Glaser) der Nachkriegszeit zu befreien, um einen neuen Wärmestrom zu ermöglichen.

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