Jugendwerk eines Expressionisten

Als expressionistischer Maler ist Ernst Ludwig Kirchner weltbekannt. Dass er Architektur studiert hat, wissen nur wenige. Kirchner selbst, der das Studium seinen Eltern zuliebe absolvierte und sich schon währenddessen der Malerei verschrieb, sprach später kaum über seine Zeit an der Technischen Hochschule in Dresden.

10. November 2020Autor: Dr. Christine Kämmerer

Noch bevor er sein Diplom in der Tasche hatte, gründete er mit Erich Heckel, Fritz Bleyl und Karl Schmidt-Rottluff die Künstlergruppe „Brücke“. Und doch hob er fast 100 akademische Architekturzeichnungen und Skizzen sein Leben lang auf, darunter seine Diplomarbeit, den fast symbolisch anmutenden Entwurf einer Friedhofsanlage. Diese Originalarbeiten werden in der von Christos Stremmenos und Dr. Alexandra Apfelbaum kuratierten Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner – Vor der Kunst die Architektur“ im Baukunstarchiv NRW in Dortmund präsentiert; im November ist allerdings leider Corona-bedingt der Zutritt nicht möglich.

Die erste Idee zur Ausstellung entstand durch einen Kontakt von Klaus Fehlemann vom Förderverein Baukunstarchiv NRW mit der Galerie Henze & Ketterer & Triebold in der Schweiz, die den Nachlass Kirchners verwaltet. Die Galeristen und Kunsthistoriker Dr. Alexandra Henze Triebold und Dr. Wolfgang Henze konnten sich gleich für das Baukunstarchiv als Ausstellungsort begeistern. Interessant seien besonders der Blick von Architekten auf Kirchners Werk und die architektur-historische Einordnung seines Schaffens, das im Gegensatz zum künstlerischen Œuvre noch kaum beleuchtet wurde, erklärten die Galeristen anlässlich der Ausstellungseröffnung in Dortmund.

Auch für Prof. Wolfgang Sonne, den wissenschaftlichen Leiter des Archivs, ist der zeitliche Kontext der Entstehung des Konvoluts spannend. Kirchners Studium falle in die Blütezeit der deutschen Architektur und Kunst, die mit der Gründung des Deutschen Werkbundes 1907 einen Höhepunkt finde, so Sonne. Von der zeitgenössischen Idee des Gesamtkunstwerks, in dem sich Architektur, Kunst und Design verbinden, zeugen auch Kirchners Studienarbeiten. Handwerklich anspruchsvoll, detailreich und farbintensiv, gestaltet mit unterschiedlichen Techniken vom Bleistift über Gouache bis Aquarell sind die 95 Blätter mehr als rein technische Zeichnungen.

Beispielhaft sind die Entwürfe für Möbel und Interieur, die Kirchner bei dem später vor allem für seine Großstadtplanungen bekannten Prof. Fritz Schumacher anfertigt. Daneben finden sich in Entwürfen für Wohnhäuser, Hotels und Museen vielfältige stilistische Einflüsse, die das Spannungsfeld zwischen Historismus und Reformbestrebungen, zwischen den akademischen Konventionen und dem Aufbruch in die Moderne deutlich machen. „Die Architekturarbeiten des jungen Kirchner führen auf anschauliche Weise vor Augen, dass geometrisches Verständnis und die bewusste Wahrnehmung von Raum zu den grundlegenden Fähigkeiten vieler erfolgreicher bildender Künstler gehören“, erklärte Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer NRW, in einem Pressegespräch zum Ausstellungsbeginn.

Es ist nicht die erste Ausstellung von Werken Ernst Ludwig Kirchners im Haus am Ostwall 7, dem früheren „Museum am Ostwall“. 1951, der Museumsbau war größtenteils noch eine kriegszerstörte Ruine, gelang es der damaligen Direktorin Leonie Reygers, die Sammlung Haubrich nach Dortmund zu holen, die Gemälde und Plastiken expressionistischer Künstler umfasste. Im Zentrum der Ausstellung im Licht-hof wurden Werke der „Brücke“ präsentiert, darunter auch drei Arbeiten Kirchners. Nur wenige Jahre nach dem Kriegsende stand die Schau für das Bestreben der jungen bundesrepublikanischen Kulturpolitik, die unter den Nationalsozialisten diffamierten Künstler zu rehabilitieren: 1935 waren Gemälde der „Brücke“ schon einmal in Dortmund, im Haus der Kunst, zu sehen gewesen – damals als Teil der Wanderausstellung „Entartete Kunst“. Drei Jahre später nahm sich Ernst Ludwig Kirchner das Leben.

Unter Leonie Reygers erwarb das Museum am Ostwall in den 1950er Jahren mehrere Werke Kirchners für die ständige Sammlung des Hauses. Auch sie sind Teil der aktuellen Ausstellung – wenngleich nur in Kopie. Eingebettet in tiefe Nischen, treten sie optisch, dem Titel der Ausstellung entsprechend, hinter den Architekturzeichnungen zurück, laden die Besucherinnen und Besucher aber zugleich zu einem Vergleich ein: Wieviel aus Kirchners Malerei findet sich schon in seinen akademischen Architekturskizzen?

„Die ausdrucksstarken und farbintensiven Gemälde Kirchners bedienen sich derselben Farbpalette und ähnlichen Motiven wie schon seine Architekturzeichnungen“, erläutert Kurator Christos Stremmenos. „So benannte der spätere Künstler Kirchner als Ziel der ‚Brücke‘ den Versuch, die neue Malerei mit dem Raum in Einklang zu bringen. In der Ausstellung wird deutlich, dass sein Architekturstudium dazu die entscheidende Grundlage geschaffen hat.“ Der lokale Bezug auf das Museum am Ostwall ist Teil des Konzepts der Wanderausstellung, die von Februar bis April 2021 in Kirchners Geburtshaus in Aschaffenburg und anschließend in seinem Studienort Dresden zu sehen sein wird und dort jeweils in einen neuen inhaltlichen Kontext gesetzt wird. Auch im begleitend zur Ausstellung erschienenen Katalog werden die drei Stationen im Leben Kirchners näher beleuchtet.  

 

Bitte informieren Sie sich aktuell über Öffnungszeiten im Dezember unter www.baukunstarchiv.nrw

 

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