St. Johann Baptist in Krefeld, Katholische Kirchengemeinde Maria Frieden; Architekt: Josef Kleesattel - Foto: Volker Gottschlich

Kooperationsprojekt: Zukunft - Kirchen - Räume

In ganz Westeuropa, insbesondere in Nordrhein-Westfalen wird die Debatte zur Umnutzung, zum Umbau oder dem Abriss von Sakralbauten geführt. Schätzungen gehen davon aus, dass langfristig 25 bis 30 Prozent der circa 5000 nordrhein-westfälischen Kirchenbauwerke außer Dienst gestellt werden. Ein angemessener Umgang mit dem baulichen Bestand, ihn zum Beispiel für neue Nutzungen anzupassen, ist eine wichtige baukulturelle sowie gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

02. September 2020Autor: Esther Heckmann / Baukultur Nordrhein-Westfalen

Anfang 2019 brachte Baukultur Nordrhein-Westfalen das Kooperationsprojekt „Zukunft – Kirchen – Räume. Kirchengebäude erhalten, anpassen und umnutzen“ mit einer öffentlichen Informationsplattform auf den Weg und startete den Projektaufruf „Zukunftskonzept Kirchenräume“: ein Unterstützungsprogramm für Kirchengemeinden und Pfarreien, aber auch bürgerschaftlich Engagierte aus Nordrhein-Westfalen, die sich für den Erhalt ihrer Kirchen einsetzen. Die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen ist ebenso Kooperationspartner wie die Kirchen in NRW.

Aus insgesamt 21 Einreichungen wählte eine Jury im August 2019 acht Projekte zur Teilnahme aus:

  • St. Barbara, Neuss – Katholische Kirchengemeinde St. Marien im Kirchenverband Neuss-Mitte
  • Diakoniekirche, ehem. Kreuzkirche, Wuppertal – Initiative Kreuzkirche (IKK) e.V. in Koop. mit der Diakonie Wuppertal
  • Dreifaltigkeitskirche, Essen – Evangelische Kirchengemeinde Essen-Borbeck-Vogelheim
  • St. Johann Baptist, Krefeld – Katholische Kirchengemeinde Maria Frieden
  • Lukaskirche, Köln – Evangelische Kirchengemeinde Porz
  • St. Michael, Oberhausen – Katholische Kirchengemeinde St. Marien Alt-Oberhausen
  • Pauluskirche, Gelsenkirchen – Evangelische Apostel Kirchengemeinde Gelsenkirchen
  • Reformierte Kirche, Iserlohn – Evangelische Versöhnungs-Kirchengemeinde Iserlohn

Die acht Projektgruppen, darunter eine Initiative und sieben Kirchengemeinden, werden seit Oktober 2019 kontinuierlich bei dem Prozess zur Entwicklung eines tragfähigen Nutzungskonzepts fachlich begleitet und von Experten beraten. Mit dem Ziel, langfristig eine neue Nutzung und damit den Erhalt ihrer Kirchen zu sichern.

Bis März 2020, bevor der Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland weite Teile des öffentlichen Lebens zum Erliegen brachte, wurden innerhalb der einzelnen Prozesse die nötigen Grundlagen ermittelt. Es folgten Workshops mit den dazu gebildeten Arbeitsgruppen. Dabei wurden nicht nur erste Ideen festgehalten und mögliche Nutzungsszenarien konzipiert, sondern auch die organisatorisch-strukturelle Herangehensweise genauer festgelegt.

Bei der Projektgruppe um die ehemalige Kreuzkirche (jetzt Diakoniekirche) in Wuppertal ging es beispielsweise „um die unterschiedlichen Ziele und Interessenlagen unter den aktiven Beteiligten, insbesondere der Initiative Kreuzkirche (IKK), der Wuppertaler Stadtmission und der Diakonie Wuppertal (…)“,  erklärt die zuständige Prozessbegleiterin Dr. Petra Potz vom Büro location3 - Wissenstransfer aus Berlin. Die Arbeitsgruppe aus Neuss befasste sich in ihrem ersten Workshop unter anderem mit dem baulichen Potenzial ihrer Kirche St. Barbara und nahm bei einem Stadtteilrundgang auch das Quartier in Augenschein. In einer kreativen Arbeitsphase wurden erste Ideen gesammelt und zur weiteren Bearbeitung festgehalten.

Das Projekt, ein Experiment
So individuell wie die Herausforderungen, denen sich die einzelnen Arbeitsgruppen stellen müssen, so individuell sind auch die Bauwerke selbst, die es zu erhalten und umzunutzen gilt. „Das Projekt Zukunft – Kirchen – Räume ist kein Selbstläufer“, kommentiert Peter Köddermann, Geschäftsführer Programm von Baukultur Nordrhein-Westfalen, und resümiert nach eineinhalb Jahren Projektbegleitung: „Die einzelnen Arbeitsgruppen gehen mit sehr unterschiedlichen Problemstellungen und Strukturen um. Die Fortschritte in den Einzelprojekten unterscheiden sich deshalb stark. Der Mehrwert des Gesamtprojektes Zukunft – Kirchen – Räume wird darin liegen, sowohl positive Entwicklungen zu erzeugen, als auch Problemsituationen zu dokumentieren.“

Ausbau der Info-Plattform

Die Dokumentation und Darstellung des bis Anfang 2022 laufenden Prozesses hat auch auf der Informationsplattform www.zukunft-kirchen-raeume.de eine neue Gewichtung erfahren. Die Corona-Pandemie hat einen neuen Umgang mit den digitalen Medien und Möglichkeiten erforderlich gemacht. Unter anderem führte dies dazu, dass die Website angepasst wurde.

Die neue Startseite ermöglicht einen schnellen Zugriff auf aktuelle Informationen. Mit dem „Projekt des Monats“ werden neue, bereits realisierte Umnutzungsideen vorgestellt und ergänzen die mittlerweile 90 Beispiele umgenutzter Kirchen in Nordrhein-Westfalen. Ein neu gestalteter Aktuelles-Bereich informiert über themenbezogene Veranstaltungen und Meldungen. So lassen sich die kommenden Termine der Wanderausstellung „Fluch und Segen. Kirchengebäude im Wandel“ des Museums der Baukultur bewerben.

Videodreh in Corona-Zeiten

Seit Ausbruch der Pandemie im Frühling 2020 mussten viele bereits geplante Veranstaltungen abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Neue Wege wurden gesucht, um die Öffentlichkeit weiterhin an dem Projekt teilhaben zu lassen. Ein Ansatz war es für Baukultur Nordrhein-Westfalen, einzelne Projektgruppen zu besuchen und die Vertreterinnen und Vertreter in Videos über den jeweiligen Prozessstand berichten zu lassen. Die dafür durchgeführten Dreharbeiten fanden vor Ort in den Kirchengebäuden der drei dafür ausgewählten Projektgruppen statt.

Doch spannender als die technische Umsetzung waren die unterschiedlichen Antworten der Projektteams. „Es gibt einen schönen Satz: Große Räume sollten nicht länger als Luxus gesehen werden, sondern als Garant zur Entfaltung geistiger Fähigkeiten“, beginnt Pfarrer Henning Disselhoff seine Ausführungen. Er ist sich mit der Prozessbegleiterin Dr. Manuela Kramp vom ASK Architektur- und Sachverständigenbüro Kramp in Lemgo sicher, dass die Pauluskirche in Gelsenkirchen in Zukunft Mittelpunkt einer vielfältigen Bildungsarbeit im Stadtteil Bulmke sein kann. Das Konzept dafür sieht eine Kooperation der Apostel-Kirchengemeinde (als Trägerin der Pauluskirche) und des direkt gegenüberliegenden Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasiums vor und ist bereits weit fortgeschritten.

Noch nicht so konkret sind die Pläne für die zukünftige Nutzung der Kölner Lukaskirche in Porz. Sicher ist sich das Projektteam rund um Pfarrer Rolf Theobold allerdings darin, dass das Gebäude auch weiterhin für das „Veedel“ genutzt werden soll. „Jetzt soll es wirklich eine Öffnung zur Stadt hin werden. Ein Quartier in Porz, ein christlich-diakonisches Quartier im Idealfall.“ Auch für Prozessbegleiter Arthur Lingk vom Büro Wolf. R. Schlünz in Bonn ist das der richtige Ansatz: „Ich denke, dass es für eine Kirchengemeinde sehr wichtig ist, ihre Identität zu wahren. Und das macht sie zu einem großen Teil auch über ihre Gebäude.“

Ganz anders und noch keine eindeutige Lösung zeichnet sich für die Situation in der Krefelder Gemeinde Maria Frieden ab. Die dortige Kirche St. Johann Baptist soll mittelfristig nicht mehr als liturgischer Ort genutzt werden. Zu hoch sind für die Gemeinde, die auch Verantwortung für weitere Gebäude trägt, die Betriebskosten sowie der Sanierungsrückstand. Gleichwohl soll das denkmalgeschützte Gebäude mit seinem markanten Turm sichtbar bleiben, erklärt Peter Reynders vom Kirchenvorstand. „Wenn man auf Krefeld zufährt, kann man von ganz verschiedenen Seiten den Kirchturm erkennen. Deswegen ist das auch ein Symbol für die Stadt Krefeld, das nach Möglichkeit erhalten bleiben soll.“ Zusammen mit der Prozessbegleiterin Christine Loth von Loth Städtebau + Stadtplanung in Siegen geht es nun also darum, Ideen und auch etwaige Nachnutzer und Investoren für diese imposante Kirche zu finden.

Zukunft – Kirchen – Räume ist ein Kooperationsprojekt von Baukultur Nordrhein-Westfalen, der Architektenkammer NRW und der Ingenieurkammer-Bau NRW unter Mitwirkung der (Erz-)Bistümer und Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen und Unterstützung der RWTH Aachen University (Lehr- und Forschungsgebiet für Immobilienprojektentwicklung der Fakultät für Architektur). Das Projekt findet unter der Schirmherrschaft der Ministerin Ina Scharrenbach (Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen) statt.

Die kompletten Interviews und die Projektbeschreibungen mit Informationen zu den teilnehmenden Gruppen und ihren Kirchengebäuden sind auf www.zukunft-kirchen-raeume.de zu finden. Ansprechpartnerin: Esther U. Heckmann, Projektleitung „Zukunft – Kirchen – Räume“; E-Mail: e.heckmann(at)baukultur.nrw

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