Fachexkursion Expo 2010 in Shanghai

Leserbrief: Überdimensionierte Städtebauarchitektur

30. August 2010

Als Teilnehmer einer weiteren Fachexkursion mit RDB nach Shanghai zur Expo 2010 möchte ich den Artikel „Stadt der Ungleichzeitigkeit“ kritisch ergänzen: Die allgemein gelobte „enorme städtebauliche Wandlungsfähigkeit in Shanghai“ im genannten Artikel hat mich nach anfänglicher Begeisterung eher nachdenklich gestimmt. In meinem über 40-jährigen Berufsleben war mein Ziel, Städte weiter zu entwickeln und zu erhalten.

Die Stadtentwicklung von Shanghai ist ein Beispiel dafür, wie in kürzester Zeit die Vergangenheit vor 1990 weitgehend beseitigt wird - zugunsten einer vermeintlich besseren, westlich orientierten, überdimensionierten Städtebauarchitektur. Und dies mit aller Macht, Härte und wenig Rücksicht auf den Menschen, der durch die notwendige Umsiedlung meist Nachbarschaft, Vergangenheit und Stadtidentität verliert. Dass die Einwohner dies noch nicht so sehen können, sondern sogar stolz auf diese Entwicklung sind, berührt mich zusätzlich.
Das Gesamtentwicklungskonzept für Shanghai zielt auf keine Weiterentwicklung, sondern auf eine totale Erneuerung. Im Merianheft (08/56) stand: „Ganz China soll wie Shanghai werden“ und damit die größte Weltwirtschaftsmacht - mit Shanghai als größter Metropole. Mir ist noch gut die Zeit nach dem 2. Weltkrieg in Erinnerung, in der begonnen wurde, historische Stadtteile zugunsten einer neuen Urbanität nach amerikanischem Vorbild abzubrechen.

Über eine ernsthafte Interpretation des Expo-Mottos in China „Better City, Better Life“ und der mahnenden Worte zur Erhaltung unseres Welterbes im Themenpark „We have just one World“ kann man geteilter Meinung sein. Deutlich wurde, dass die Chinesen gerne westliche Ideen aufgreifen, sie aber für sich interpretieren, wie z. B. die Umdeutung des Expo-Mottos: „Das Leben ist in der Stadt besser.“

Der Deutsche Pavillon „Balancity“ hat erfreulicherweise das Expo-Motto mit dem Kernthema „Stadt im Gleichgewicht“ ernsthaft aufgegriffen und stellt die Balance zwischen Erneuern und Bewahren dar. Bleibt zu hoffen, dass dieser Pavillon eine Rückbesinnung auf gewachsene Strukturen bei den Chinesen bewirkt und ihnen verdeutlicht, dass es sich lohnt, diese unter Einbeziehung der Bürger nachhaltig zu erhalten und weiter zu entwickeln. Gerade östliche Überlieferungen lehren uns, dass die Stadtmitte zur Balance einer Stadt beiträgt. Je mehr jedoch die Mitte und die gewachsenen Stadtstrukturen in Shanghai zerstört werden, desto mehr wird das Ungleichgewicht und die „Ungleichzeitigkeit“ gefördert.Eine Rückbesinnung auf gewachsene Stadtstrukturen und -identitäten bewirkt, dass nicht „ganz China wie Shanghai“ wird und der Hang zum Gigantismus gestoppt wird. Gefördert werden damit Entwicklungen auf der Grundlage örtlicher Voraussetzungen - statt die Kopie westlicher städtebaulicher Leitbilder in überdimensionierter Form. Die Geschichte belegt und lässt hoffen, dass totalitäre Regime von neuen Bewegungen abgelöst werden. Hier können wir Deutsche mit unseren Erfahrungen nach dem 2. Weltkrieg helfen. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit beim deutsch-chinesischen Pavillon ist hierfür schon ein gutes Beispiel.

Natürlich ist die Fachexkursion empfehlenswert. Dank der qualifizierten fachlichen Begleitung durch den chinesischen Reiseleiter und die deutschen Architekten wurde ein guter Einblick ins Reich der Mitte ermöglicht, das sich für mich neu erschlossen hat - und das die Stadtlandschaften von Old Germany bei mir in einem neuen Glanz erstrahlen lässt.

Karl Slawinski - Architekt und Stadtplaner; Beigeordneter a.D. Bad Salzuflen

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