Unter dem Leitmotiv „Mehr Freiraum für alle“ veranstaltete die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen am 11. Juni den „Tag der Landschaftsarchitektur“ im Forum der Bundeskunsthalle in Bonn. Vor 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern rückte die Veranstaltung, die von Christof Rose, stellvertretender Geschäftsführer der Architektenkammer, moderiert wurde, die aktuellen Herausforderungen der Freiraumentwicklung in Städten und Gemeinden in den Fokus. Angesichts zunehmender Reglementierung, fortschreitender Kommerzialisierung sowie wachsender Nutzungskonflikte wurde die Bedeutung öffentlicher Räume für demokratischen Diskurs, gesellschaftliche Teilhabe und eine lebenswerte urbane Umwelt intensiv diskutiert.
„Mehr Freiraum für alle ist nicht nur ein Motto. Es ist ein Auftrag!“ Mit dieser programmatischen Aussage führte AKNW-Präsidentin Katja Domschky in das Tagungsprogramm ein, in dessen Mittelpunkt die Dimensionen „Gesundheit“, „Sicherheit“ und „Soziales“ standen. Interdisziplinäre Impulsvorträge aus der Wissenschaft sowie die Vorstellung aktueller Landschaftsarchitektur-Projekte boten praxisnahe Einblicke und verdeutlichten die Rolle qualitätsvoll gestalteter Freiräume für eine nachhaltige Stadtentwicklung, die möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern zugutekommen sollte.
In ihrer Einführung hob Katja Domschky die Bedeutung öffentlicher Freiräume als Orte der Begegnung, des Austauschs und der gesellschaftlichen Teilhabe hervor. Zugleich wies sie auf Herausforderungen wie zunehmende Regulierung, Kommerzialisierung und Nutzungskonflikte hin, die den Anspruch „Freiraum für alle“ zunehmend in Frage stellten. „Landschaftsarchitektur und Stadtplanung führen die ökologische, soziale und funktionale Gestaltung öffentlicher Räume zusammen“, so die AKNW-Präsidentin. Die drei Themenfelder „Gesundheit“, „Sicherheit“ und „Soziales“ seien untrennbar miteinander verbunden und entscheidend für die Qualität und Nutzbarkeit zukunftsfähiger Freiräume.
Keynote-Speakerin Julia Erdmann, Architektin und Stadtplanerin sowie Geschäftsführerin des Büros JES Socialtecture, stellte ihren Ansatz einer lebenszentrierten Planung vor. Ausgehend von der Frage „What would life do?“ plädierte sie dafür, Stadt- und Freiräume nicht als statische Objekte, sondern als lebendige, vernetzte Systeme zu begreifen. Angesichts multipler Krisen von Klima über Soziales bis hin zu Identitäts- und Demokratiefragen sei ein grundlegendes Umdenken erforderlich: „Unsere Städte brauchen mehr soziale Resilienz und Räume, die Zusammenhalt, Teilhabe und Gemeinschaft fördern“, meinte Julia Edmann.
Mit ihrem Konzept der „Socialtecture“ versuche sie, ökologische, soziale und räumliche Anforderungen zu verbinden, um „aus Freiräumen Lebensräume zu entwickeln, die im Gleichgewicht stehen, vielfältige Nutzungen ermöglichen und sich an den Bedürfnissen der Stadtgesellschaft orientieren“. Letztlich werde die urbane Resilienz und eine ortsspezifische Baukultur darüber entscheiden, ob Orte angenommen und mit gutem Leben gefüllt würden.
Heike Köckler, Professorin für Sozialraum und Gesundheit an der Hochschule Bochum, leitete in den Impulsblock „Gesundheit, Sicherheit und Soziales“ ein und legte einen wissenschaftlichen Schwerpunkt auf die gesundheitliche Bedeutung urbaner Freiräume. Sie verdeutlichte anhand aktueller Studien, dass Grünräume einen wesentlichen Beitrag zur physischen und mentalen Gesundheit leisten, etwa durch Bewegungsförderung, soziale Begegnung und die Reduktion von Stress und Erkrankungen.
Mit Konzepten wie der „3-30-300“-Regel (3 Bäume, 30 % Verschattung, 300 m bis zur nächsten Grünfläche) verwies Köckler auf evidenzbasierte Ansätze zur gesundheitsfördernden Stadtentwicklung und unterstrich die Bedeutung gut erreichbarer, vielfältig nutzbarer Grünräume für lebenswerte Quartiere. Zudem machte sie darauf aufmerksam, dass Bewegungsförderung im öffentlichen Raum gezielt durch städtebauliche Maßnahmen unterstützt und durch Kooperationen finanziert werden kann. „Achten Sie bitte auf den Lärm im öffentlichen Raum“, appellierte Prof. Köckler an die versammelten Landschaftsarchitekt*innen. Zudem empfahl sie ganz konkret, ggf. Krankenkassen für die Mitfinanzierung von städtebaulichen, gesundheitsfördernden Maßnahmen mit ins Boot zu holen.
Dr. Tim Lukas, Diplom-Soziologe und Forschungsgruppenleiter des Themenbereichs räumliche Kontexte von Risiko und Sicherheit an der Bergischen Universität Wuppertal, vertiefte die Perspektive auf das Themenfeld „Sicherheit“. Er rückte öffentliche Räume als komplexe Konfliktfelder innerhalb der Stadtentwicklung in den Fokus.
„Fragen von Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit werden eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie Wohnungslosigkeit oder Nutzungskonflikten im Stadtraum verknüpft“, stellte Tim Lukas klar. Zugleich müsse zwischen tatsächlichen Gefahrenlagen und subjektiven Unsicherheitsgefühlen unterschieden werden. Die Kriminalitätsrate in NRW sinke seit 1993 kontinuierlich. Und „Angsträume“ seien nicht automatisch mit realen Gefahrenorten deckungsgleich. „Es sind die sozialen Ängste, die dominieren“, zeigte Lukas anhand von Forschungsergebnissen auf.
Als zentralen Ansatz betonte der Soziologe die Bedeutung vielfältig genutzter, gut frequentierter Räume: Eine Mischung unterschiedlicher Nutzergruppen könne zur Stabilisierung öffentlicher Räume beitragen – und zugleich die soziale Kontrolle stärken. Tim Lukas plädierte für einen sensiblen Umgang mit marginalisierten Gruppen sowie für planerische Strategien, die auf Integration und Akzeptanz setzen – ohne besondere Bereiche für spezifische Problemlagen auszuschließen.
Prof. Dr. Iris Reuther, Architektin, Stadtplanerin und Honorarprofessorin der TU München, knüpfte an die Vorredner*innen an und richtete den Blick auf die soziale Dimension von Freiräumen. Unter dem Leitgedanken „Freiraum ist Sozialraum“ verdeutlichte die langjährige Senatsbaudirektorin der Freien Hansestadt Bremen a.D., dass öffentliche Räume mehr als gestaltete Flächen sind: „Sie fungieren als Lebenswelt, Alltagsorte und zentrale Infrastrukturen für Gemeinschaft, Teilhabe und Selbstwirksamkeit.“ Es sei für eine Stadt wichtig, zahlreiche „Dritte Orte“ anzubieten, die Begegnung außerhalb von Wohnen und Arbeiten ermöglichen. Aus ihrer Erfahrung als Bausenatorin in Bremen räumte sie allerdings auf dem Weg dahin einige Hindernisse ein: „Wir müssen die Prädominanz von gesetzgeberischem Handeln und Normierungswesen kritisch hinterfragen!“
Anhand von Praxisbeispielen zeigte Iris Reuther, wie stark qualitätsvolle Freiräume im Alltag angenommen werden. Gleichzeitig hob sie das Prinzip der Multicodierung hervor: Freiräume müssten so gestaltet werden, dass sie unterschiedliche Nutzungen erfüllen und flexibel auf Veränderungen reagieren können.
In der anschließenden Diskussionsrunde wurde deutlich, dass soziale Ungleichheit, Gesundheit und Sicherheit eng miteinander verknüpft sind und Freiräume als Orte der Begegnung eine zentrale Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielen. Nachbarschaftliche Unterstützung entstehe dort, wo Menschen zusammenkommen, betonte Dr. Tim Lukas.
Zugleich bestand Einigkeit darüber, dass soziale Ungleichheiten weiterhin erheblich sind. Prof. Dr. Iris Reuther verwies auf Unterschiede zwischen Stadtteilen, während Prof. Dr. Heike Köckler hervorhob, dass der Wohnort die Lebenserwartung um bis zu acht Jahre beeinflussen kann.
Insgesamt zeigte sich, dass diese Problemlagen bekannt sind und die Herausforderung in der Umsetzung liegt. Nur durch stärkere Kooperationen, langfristiges Engagement und neue Allianzen ließen sich Fortschritte erzielen.
Den nächsten Impulsblock leitete Sabine Rabe, Landschaftsarchitektin und Gründerin von rabe landschaften in Hamburg, ein. In ihren Projekten versuche sie stets, öffentliche Räume nicht nur zu gestalten, sondern für die Aneignung durch die Nutzer*innen vorzudenken. Ausgehend von der These, dass Raumkultur durch das Handeln der Menschen entsteht, zeigte sie am Beispiel der Hafenkante von St. Pauli, wie sich eine Uferlandschaft zu einem vielfältig nutzbaren urbanen Freiraum entwickeln lässt. Zentral sei dafür, Räume zu schaffen, die unterschiedliche Aktivitäten ermöglichen und diverse Nutzergruppen integrieren.
Im Projekt „Das Grüne Ding“ in Hamburg wird dieser Ansatz konkret: Eine Abfolge von Promenaden, Terrassen und offenen Flächen ermöglicht vielfältige Nutzungen von Aufenthalt und Bewegung bis hin zu Spiel, Sport und informeller Kultur. Das Konzept sei bewusst offen gestaltet worden, um auch ungewöhnliche Elemente („Follies“) oder experimentelle Räume integrieren zu können, die aus Nutzer*innenwünschen hervorgingen. Die Hafenkante sei ein Raum für „selbstgemachte Kultur“ geworden, der flexibel nutzbar ist und unterschiedliche soziale Praktiken ermöglicht. „Ein Ort, der Aktivität und Spiel ermöglicht, ohne ein Spielplatz zu sein.“
Lukas Schweingruber, Landschaftsarchitekt und Mitgründer von Studio Vulkan mit Sitzen in Zürich und München, lenkte den Blick auf den „Alltag der Orte“ und die langfristige Entwicklung von Freiräumen. „Orte entfalten ihre Qualität vor allem durch Zeit, Nutzung und die Geschichten der Menschen“, so seine These. Planung müsse daher Räume schaffen, die offen genug sind, um diese Entwicklungen zuzulassen.
Anhand verschiedener Projekte zeigte Schweingruber, wie sich Orte über Jahre hinweg verändern und an Bedeutung gewinnen. Dabei plädierte er dafür, Brüche, Spuren und Unschärfen zuzulassen. „Diese Offenheit ermöglicht doch erste Identifikation und Verbundenheit.“ So würden Freiräume zu lebendigen Alltagsorten, die Sicherheit und Zugehörigkeit durch Nutzung und Vertrauen entwickeln könnten.
Zum Abschluss präsentierte Landschaftsarchitekt Sebastian Sowa und Professor für Landschaftsarchitektur, Entwurf und experimentelle Räume an der Hochschule Geisenheim, unter dem Titel „Puzzeln, spielen, Zauberei – Einladungen zur Teilhabe“ einen experimentellen und nutzungsorientierten Zugang zur Freiraumgestaltung. Für ihn ist „Teilhabe ein grundlegender Bestandteil demokratischer Stadträume“. Öffentliche Räume müssten so gestaltet werden, dass sie unterschiedliche Formen der Aneignung ermöglichen und Menschen zur Nutzung einladen.
Anhand von Projekten zeigte der Mitbegründer des Büros SOWATORINI Landschaft, wie durch einfache, flexible Interventionen neue Formen von Nutzung, Bewegung und Begegnung entstehen können. Zwischennutzungen, experimentelle Formate und partizipative Prozesse spielten dabei eine zentrale Rolle, so Sebastian Sowa. Gleichzeitig hob er die Bedeutung von Spiel als grundlegendes Element hervor.
In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass es kein allgemeingültiges Rezept geben kann, um Freiräume dauerhaft konfliktfrei zu gestalten. Vielmehr brauche es Mut zum Ausprobieren sowie Vertrauen der Auftraggeberinnen und Auftraggeber, betonte Lukas Schweingruber. Gleichzeitig rückte Sabine Rabe die Qualität in den Mittelpunkt: Entscheidend sei nicht „mehr“ Freiraum für alle, sondern „qualitätvoller Raum“.
Vor diesem Hintergrund zeigten sich die Diskutant*innen einig, dass die Herausforderungen bekannt sind, es jedoch darauf ankomme, diese kontinuierlich zu adressieren und in Projekte zu überführen. Die Landschaftsarchitektur müsse diese Chance aktiv nutzen, um zukunftsfähige Freiräume zu gestalten, so Prof. Sebastian Sowa. „Freiräume für alle heißt auch: Respekt für alle!“
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