Retrospektive: Zum 100. Geburtstag von Werner Ruhnau

Natürlich wurde zum 100. Geburtstag gefeiert, wurde erinnert, erneut gewürdigt und auch interpretatorisch noch einmal in die Tiefe gebohrt. Der WDR brachte einen TV-Beitrag, und im Musiktheater im Revier (MiR), Werner Ruhnaus bekanntestem Bau und bis heute das architektonisch überzeugendste Beispiel in Deutschland für einen demokratisch geöffneten Theaterbau, fanden Führungen und Vorträge statt.

09. Mai 2022Autor*in: Dr. Frank Maier-Solgk
Werner Ruhnau (11. April 1922 – 6. März 2015) - Foto: Hermann Willers

Im Essener Grillo-Theater, dessen Umbau Ruhnau in den späten 1980er Jahren - der Bauhaus-Idee vom Totaltheater folgend - als variables Raumtheater konzipierte, hatte man einen feierlichen „Theater-Abend“ unter der Überschrift „RUHNAU100 – Wege zum Spiel“ organisiert. In Anwesenheit von Oberbürgermeister Thomas Kufen und NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen wurden auf zehn Großbildleinwänden Ruhnaus Arbeiten von den 1950er bis in die mittleren 1990er Jahre projiziert. Auch eine vom Architektensohn Georg Ruhnau gemeinsam mit Studierenden der Hochschule der bildenden Künste Essen neu entwickelte Webseite (www.ruhnau.info) wurde vorgestellt, die die wichtigsten Projekte Ruhnaus portraitiert und auch über die konzeptionellen Hintergründe aufklärt. Werner Ruhnau, der am 11. April 100 Jahre alt geworden wäre, war als personifizierte Verbindung von Visionär und Praktiker eminent wichtig, nicht zuletzt für das Land NRW, das dank kreativer Geister wie ihm sich nach dem Krieg als ein kulturell der Moderne zugewandtes Bundesland profilieren konnte. 

Der Bezüge und Einflüsse sind fast zu viele, als dass man sie in einer kurzen Würdigung unterbringen könnte. Ruhnau war vor allem ein integrativ denkender Architekt; einer, der die bildenden ebenso wie die darstellenden Künste in seine Konzeptionen einband. Ein Katalog, der zum 85 Geburtstag erschien, trug den Titel: „Der Raum, das Spiel und die Künste“, was die Dimensionen von Ruhnaus anthropologisch begründeten Vorstellungen über das Bauen zum Ausdruck brachte. Es ging darin um die Idee der Bauhütte, das Zusammenwirken von Handwerk und Kunst unter dem Dach der Architektur, um Zen-Buddhismus und Yves Klein, den Ruhnau in den 1950er Jahren in Paris kennengelernt und für das MiR nach Gelsenkirchen geholt hatte. Es ging in Anlehnung an Ideen des Historikers Johan Huizinga um die Rolle des Spiels für den Menschen, der er 1972 mit einer Spielstraße bei den olympischen Spielen in München gerecht zu werden suchte.

Die Idee der Integration blieb jedoch nicht nur auf Kulturbauten beschränkt; sie galt auch für seine Büroarchitektur. 1971-72 realisierte er für den befreundeten Unternehmer Karl Ludwig Schweisfurth ein neues Verwaltungsgebäude für dessen Herta AG in Herten; hier setzte er die Idee des „humanen Arbeitens“ in Form einer sogenannten klimatisierten Landschaft um. Kernstück war ein Großraumbüro als vielfach gegliederter und terrassierter Arbeits- und Erholungsbereich, der über Gartenhöfe verfügte, die teils über zwei Etagen reichten und mit Pflanzen und u. a. mit vertikalen, gläsernen Wasserläufen ausgestattet waren, die von der Hand des Bildhauers Norbert Kricke stammten. Nicht nur nahm Ruhnau hier die Idee der Kunst im Unternehmen für die Mitarbeiter vorweg; die Konzeption erinnert auch an Arbeitswelten, die man heute bei den großen Social Media-Unternehmen in Kaliforniern findet. Fast müßig zu sagen, dass Werner Ruhnau auch beim Entwurf für Privatvillen für die Kunst eine prägende Rolle innerhalb der Wohnung vorsah - so für das Haus Piltz in Düsseldorf.

Womit man bei Ruhnaus eigenem späten Wohnsitz in Essen-Kettwig wäre, der Villa Am Bögelsknappen 1. Werner Ruhnau hatte sie Anfang der 1980er Jahre bezogen und im Laufe der Jahre zu einem Domizil entwickelt, das Büro, Wohnung und ein angegliedertes Archiv mit eigenen Modellen und den Werken befreundeter Künstler umfasste. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich an einen Besuch in der dortigen Wohnung Ruhnaus, in der die Farbe Blau dominierte, jene Farbe der Unendlichkeit, die Ruhnau auf vielfältige und bekanntlich nicht nur harmonische Weise mit Yves Klein verband und gleichwohl als Sinnbild des Schaffens auch von Ruhnau gelten kann. Leider wird das schön am Hang gelegene historische Gebäude, ursprünglich ein Ausflugslokal, später ein Krankenhaus, bald kaum mehr an seinen Bewohner erinnern. Der hintere Teil des Gebäudes soll abgerissen werden; neue Wohneinheiten, die ein Investor auf dem Grundstück plant, werden anderen Zwecken dienen als dem der Erinnerung.
 

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