Futuristisch anmutendes Klinikgebäude mit Versorgungstürmen und mit rostroten Gerüsten und Treppengeländern sowie großen Abluftrohren
Uniklinikum der RWTH Aachen (Architektur: Weber, Brand + Partner, Aachen) - Foto: Thomas Robbin

Revisited: Zeitreise ins Klinikum Aachen

Von ferne wirkt der Bau wie einer der stolzen Hochseedampfer, die früher mit hohen Schloten durch die Wellen pflügten. Gerne sprach die Kritik in den ersten Jahren des Uniklinikums der RWTH Aachen auch von einer „Raffinerie“. Tatsächlich reizen Ausmaß und Erscheinung des Komplexes zu ungewöhnlichen Vergleichen: eine achtstöckige Mega-Struktur mit den Maßen 256,80 x 134,40 Metern, die von 24 in versetzten Reihen angeordneten, 54 Meter hohen Versorgungstürmen überragt werden. Rostrote Gerüste und Treppengeländer sowie gewaltige Abluftrohre mit schwefelgelben Ringen durchziehen vertikal und horizontal die Stahlbetonskelettkonstruktion.

07. Januar 2021Autor: Dr. Frank Maier-Solgk

Das größte Krankenhausgebäude Europas gilt als eines der herausragenden Beispiele der High-Tech-Architektur. Das Aachener Büro Weber, Brand + Partner hatte hier, dem vorherigen Münsteraner Klinikum folgend, in aller Konsequenz die Idee umgesetzt, die drei Kernbereiche Lehre, Forschung und Krankenversorgung in streng systematischer Ordnung in einer Art Baukastensystem unter einem Dach zu versammeln. Einzig der schräg vor dem Eingang der Klinik platzierte Hubschrauberlandeplatz mit seinen organischen Formen (OX2 Architekten) und dem grün verkleideten Arm, der zur Notfallaufnahme hinabführt, präsentiert heute einen neuen, im Vergleich zum Bestand eigentlich fast konträren Geist.

Seit 2008 steht das Gebäude, mit dessen Bau 1971, vor 50 Jahren, begonnen wurde, unter Denkmalschutz. Die frühere Kritik ist einem gewissen Stolz all derer gewichen, die hier arbeiten. Aber natürlich muss immer wieder saniert, erweitert und technisch erneuert werden. Von 2007 bis 2012 hatte das Büro Wörner & Partner (heute: Wörner Traxler Richter, Frankfurt) aus Gründen des Brandschutzes, aber auch der Luft und Lichtsituation vieler innenliegender Räume wegen einen zusätzlichen Lichthof in das Innere eingeschnitten, wodurch der Pflegebereich natürliches Licht und Luft erhielt. Die neuen Innenfassaden wurden in Abstimmung mit dem Denkmalamt entwickelt.

Heute hat eine neue Phase der Erneuerung begonnen. In Bau ist am Eingang des Klinikgeländes ein erstes neues Parkhaus. Ihm soll vor dem Hauptgebäude ein neuer Zentral-OP mit zusätzlichen Intensivbetten folgen. Zwölf Einzelmaßnahmen sind insgesamt geplant, darunter vier Neubauten, sowie Modernisierungen wie die Neustrukturierung der Strahlenmedizin oder die Operative Intensivpflege. Fast eine halbe Milliarde Euro hat das Land NRW sich vorgenommen, hier im Rahmen seines „Medizinischen Modernisierungsprogramms“ zu investieren.

Die Zahl derer, die hier arbeiten, entspricht mit 7500 Kräften dem eines Großbetriebs; rund 2000 davon sind in der Pflege oder erledigen Funktionsdienste. 200 000 Patientinnen und Patienten werden pro Jahr ambulant, 50 000 stationär versorgt, bei einer Bettenzahl von rund 1400. Nicht zu vergessen ist der Bereich der Ausbildung: Etwa 3000 Studierende zählt die Klinik derzeit, denen normalerweise sechs Hörsäle (vier à 150, zwei à 300 Personen) zur Verfügung stehen.

Aber eine Großklinik besteht aus mehr: Vor der Schmalseite im Norden liegt separat der Versorgungstrakt, in dem der Wareneinkauf erfolgt, in dem die hauseigene Druckerei untergebracht ist, wo Wäscherei, Handwerksbetriebe, eine Gärtnerei für die Freibereiche und schließlich auch die Küchen liegen. Unterirdisch ist der Trakt über eine vor kurzem für sechs Millionen Euro sanierte, automatische Warentransportanlage mit dem Hauptbau verbunden.

Wenn man heute durch die langen Gänge des Klinikums wandert, so vermitteln die niedrigen Decken, an denen die Gebäudetechnik sichtbar gehalten ist, zunächst ein Raumgefühl, das gewöhnungsbedürftig erscheint. Immerhin gibt es die lange Reihe der begrünten und von den Gängen aus auch zugänglichen Lichthöfe, die einen willkommenen Kontrast darstellen. Der Clou aber ist sicherlich das Farbsystem, das die Aachener Architekten seinerzeit entwickelten: Die Teppichböden auf den langen Gängen bieten grün schattierte Farberlebnisse, Wandelemente und Türen ergänzen die Palette um gelbe und orangefarbene Töne, während die Betonstützen (ebenso wie die Treppenhäuser) silbern gestrichen sind. Neueres Mobiliar und neue Böden führen den Zeitkolorit in moderner Form weiter. Ein Besuch des Klinikums ist heute auch eine kleine stilistische Zeitreise.

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