Zwanzig Jahre sind in der neueren Architekturgeschichte eine lange Zeit. Als 2005 im ostwestfälischen Herford das damals noch als MartA firmierende Museum eröffnete, dessen beschwingte Kubaturen der Amerikaner Frank O Gehry entworfen hatte, näherte sich die Hochphase architektonisch spektakulärer neuer Museumbauten bereits ihrem Ende. Klein-Guggenheim nannte man den Bau gelegentlich, im Gedanken an den zwölf Jahre zuvor errichteten Museumsgiganten von Bilbao, mit dem die baskische Industriestadt zu einer welttouristischen Attraktion ersten Ranges avancierte. Diese Hochphase von Museumsneubauten ist seit den 2010er Jahren erheblich abgeflaut – in Europa.
Weitergeführt wurde die Entwicklung in noch einmal gesteigerter Form stattdessen in den Golfstaaten: 2017 eröffnete der Louvre Abu Dhabi (Jean Nouvel), 2019 das National Museum of Katar (ebenfalls Nouvel), 2023 das Oman across Ages museum (Cox architecture), in Kürze das Zayed National Museum von Abu Dhabi (Foster & Partners); und im kommenden Jahr soll das Guggenheim Museum Abu Dhabi seine Tore endlich öffnen, das gleichfalls noch von dem inzwischen 95-jährigen Frank O. Gehry entworfen wurde. Die geographische Verlagerung des Booms ist signifikant. In den letzten 20 Jahren sind es die Staaten am Golf, die mit neuen Museumsbauten ihre kulturelle Identität und ihr Selbstverständnis der Welt präsentieren wollen. In diesen Tagen erleben wir nun mit der Eröffnung des neuen ägyptischen Museums noch einmal einen Höhepunkt dieser Entwicklung, mit dem auch in diesem Fall sich ein ganzes Land identifiziert (Architekturbüro Heneghan Peng, Dublin.)
Das Marta macht Ähnliches, aber mindestens eine Nummer kleiner. Hier ging die Initiative ursprünglich auf die ansässige Möbelindustrie zurück, die ein Möbelausstellungshaus plante, das die Wirtschaftskraft der Region demonstrieren sollte. Die Idee führte nach manchen Wendungen schließlich zu einem Museum, das sein inhaltliches Programm entlang der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst und Design entwickelt und auch die Architektur nicht ausschließt. Was die Gebäudearchitektur betrifft, so ist das Haus, anders als es das Äußere suggeriert, im Inneren klar gegliedert. Um ein rechteckiges historisches Industriegebäude aus den 1950er Jahren (Textilfabrik der Fa. Ahlers), das als Atrium fungiert und oben die Verwaltungsbüros sowie die Räume der Verbände der Holz- und Möbelindustrie Nordrhein-Westfalen birgt (die Eigentümer des Hauses sind), arrangierte Gehry seitlich ein Restaurant, das sich mit einer Terrasse zu dem Flüsschen der Aa öffnet, während auf der Eingangsseite zwei parallel gestellte Flügel einen Eingangshof flankieren. Diese nehmen einerseits die vier Ausstellungsräume, andererseits einen lang gestreckten Veranstaltungssaal auf.
Nach außen beschränkte Gehry das glänzende Edelstahl auf die wellige Dachlandschaft, während die geschlossenen Fassaden zur Straße mit dem regionaltypischen rötlichen Klinker verkleidet sind. Der Gesamtkomplex mit den markanten, kaminartig aufragenden Lichtschächten wirkt beschwingt und von einer formalen Experimentierfreude geleitet, doch erscheint er auch in den Höhendimensionen noch maßvoll und an die Umgebung angepasst.
Ein Dauerthema war und ist die Architektur der Ausstellungssäle im Hinblick auf ihre Funktionalität. Gehry wollte auf die bewegte Expressivität auch im Inneren ursprünglich nicht verzichten. Für den Hauptsaal, den sich auf 14 Meter Höhe türmenden sogenannten Dom, einigten sich der Architekt und Gründungsdirektor Jan Hoet schließlich auf einen Kompromiss: Der Saal erhielt einen rechteckigen Grundriss, auf dessen Basis sich erst ab einer Höhe von fünf Metern die barocken Wölbungen bis zu dem flaschenhalsgroßen Kamin emporschwingen.
„Mit der und nicht gegen die Architektur Ausstellungen zu konzipieren, ist unser Credo“, sagt die heutige Direktorin des Hauses, Kathleen Rahn. Ihr Fazit: „Die Räume sind unglaublich gut nutzbar und immer wieder neu erlebbar, ein synästhetisches Erlebnis.“ Im kommenden Jahr, so Rahn, „wird dies besonders mit einem Ausstellungsprojekt deutlich, das erstmalig die Zusammenhänge von Gehry und den LA-Künstler*innen seiner frühen, prägenden Jahre beleuchtet.“ – Frank Gehry dürfte es gefallen.
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