Am 27. und 28. Juni öffnen in Nordrhein-Westfalen 141 Wohnhäuser, Quartiere, Gärten und Grünanlagen in 76 Städten und Gemeinden ihre Türen für Besucherinnen und Besucher. Der Tag der Architektur macht sichtbar, vor welchen gesellschaftlichen Herausforderungen Planerinnen und Planer heute stehen. Wir stellen Ihnen einige der aktuellen Aufgabenstellungen und dafür beispielhafte Lösungskonzepte vor.
„Man sieht nur, was man weiß.“ - Das Zitat, das meist mit der modernen Kunst verbunden wird, gilt vielleicht noch mehr für die zeitgenössische Architektur. Denn sie erschließt sich nicht allein über ihre Ästhetik, sondern ebenso über ihre Aufgabe, die Entwurfsidee und ihre Funktion – besonders dann, wenn sie vor Ort fachkundig erläutert wird. Vielleicht erklärt das die anhaltende Beliebtheit des „Tags der Architektur“, der 2001 erstmals bundesweit stattfand. Er bietet einem breiten Publikum die Gelegenheit, die öffentlichste aller Künste jenseits gängiger Schlagworte kennenzulernen und im wörtlichen Sinne auch einmal hinter die Fassaden zu blicken. Zugleich macht er sichtbar, welchen gesellschaftlichen Herausforderungen sich Architektur heute stellt. Für Architektinnen und Architekten ist der Tag darüber hinaus eine wichtige Plattform, um ihre Arbeit und deren Qualitäten zu präsentieren.
Auch 2026 laden am letzten Juniwochenende wieder mehr als 1.000 Bauwerke, Quartiere und Gärten zur Besichtigung ein, davon 141 in 76 Städten und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen. Dabei zeigen sich erneut Entwicklungen, die sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet haben: Nachhaltigkeit bleibt das zentrale Thema. Entsprechend stehen immer häufiger Umbauten, Sanierungen und Weiterentwicklungen im Bestand auf dem Programm. Zudem sind in diesem Jahr verstärkt Projekte im ländlichen Raum vertreten. Typologisch nehmen vor allem Bildungsbauten und Umnutzungen von Kirchen breiten Raum ein. Nicht zuletzt geben die Projekte der Landschaftsarchitektur Einblicke in aktuelle Ansätze klimaresilienter Planung.
Dass das Bauen im Bestand zu den zentralen Aufgaben von Architektinnen und Architekten zählt, gilt inzwischen als weithin anerkannter Konsens. Erhaltenswerte Bausubstanz zu sichern und weiterzuentwickeln, anstatt Abriss und Neubau voranzutreiben, ist nicht nur aus ökologischer Sicht – etwa mit Blick auf Flächenverbrauch und Ressourcenschutz – sinnvoll, sondern häufig auch wirtschaftlich geboten. Unter dem Leitmotiv „Vorrang für den Bestandserhalt“ hat der Vorstand der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen seine Position im Dezember 2025 weiter geschärft und dabei wichtige Einzelaspekte wie die Förderung von Aufstockungen und eine Genehmigungspflicht für Abrisse hervorgehoben.
Die beim Tag der Architektur 2026 präsentierten Beispiele zeigen die große Bandbreite dieser Bauaufgabe: Sie reicht vom Umbau einer Scheune aus den 1920er Jahren zu einem Wohnhaus bis hin zur Revitalisierung des mehrgeschossigen Bürohochhauses LIGHT im Düsseldorfer Norden.
In besonderem Maße betrifft das Bauen im Bestand seit einigen Jahren auch Kirchen, die infolge sinkender Mitgliederzahlen zunehmend vor Fragen der Umnutzung stehen. Diese Aufgabe verlangt besonderes Feingefühl, da es sich häufig um denkmalgeschützte Gebäude handelt, die aufgrund ihrer architektonischen Bedeutung das Stadtbild prägen. Auch hierfür bietet der Tag der Architektur anschauliche Beispiele: So wurde die ehemalige Friedenskirche in Bottrop-Ebel aus den 1960er Jahren zu einer Kindertagesstätte umgebaut. Bei der ehemaligen Thomas-Morus-Kirche in Leverkusen wiederum entstand hinter den erhaltenen Außenwänden nach der Entkernung eine soziale Wohneinrichtung mit 15 Appartements für ehemals obdachlose Menschen.
Bauen im ländlichen Raum gewinnt heute aus mehreren Gründen an Bedeutung. Gerade bei Familien ist ein Trend „von der Stadt aufs Land“ zu beobachten, nicht zuletzt aufgrund steigender Immobilienpreise und insgesamt höherer Lebenshaltungskosten in urbanen Räumen. Hinzu kommt der Wunsch nach einem gesünderen Wohnumfeld. Zugleich erleichtern Homeoffice und die fortschreitende Digitalisierung des Arbeitsmarkts das Leben abseits der Städte.
Qualitativ hochwertige Projekte im ländlichen Raum zeichnen sich dabei häufig durch eine regionaltypische Bauweise und den sensiblen Umgang mit kulturell bedeutenden sowie architektonisch wertvollen Bestandsgebäuden aus. Dies kann den Umbau und Erhalt eines historischen Fachwerkhauses ebenso umfassen wie die Verwendung heimischer Materialien oder die behutsame Weiterführung charakteristischer historischer Merkmale.
Ein solcher, an regionalen Bautraditionen orientierter Ansatz leistet in besonderer Weise einen Beitrag zum Erhalt der Baukultur. Beispielhaft dafür steht das Atelier für Architekturfotografie von HG Esch in Hennef, das 2025 mit der Auszeichnung „Vorbildliche Bauten in NRW“ gewürdigt wurde.
Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten sind den Herausforderungen, die der Klimawandel für unsere Städte mit sich bringt, in besonderer Weise unmittelbar verbunden. Im Zentrum der heute verfolgten blau-grünen Strategien steht dabei stets auch die Frage der Lebensqualität – und damit verbunden die gesundheitliche Bedeutung qualitätsvoll gestalteter Freiräume für die Menschen vor Ort.
Derzeit wirft die IGA 2027 im Ruhrgebiet bereits ihre Schatten voraus. Ein Projekt der IGA 2027 und beim Tag der Architektur zu besichtigen ist der Klimagarten in Schwerte, dessen zentraler Pavillon dem „Austausch, dem Lernen und der Inspiration“ gewidmet ist. Im Mittelpunkt steht hier die Umweltbildung durch die anschauliche Verbindung von Theorie und Praxis. Ein weiteres Projekt ist ein „Bewegungsparcours“ auf und um den Schulhof der Peter-von-Heydt-Grundschule in Hunsheim-Reichshof. Dort entstand ein öffentlich zugänglicher Freiraum, der Begegnung, Bewegung und Aufenthalt gleichermaßen ermöglicht.
Detaillierte Info zu allen Objekten, die am 27./28.06.26 zu besichtigen sind, finden Sie in der TdA-Datenbank
Teilen via