Freuten sich über eine zur Baukunst-Lecture voll besetzte Aula in der Kunstakademie Düsseldorf (v. l.): Prof.in Inge Vinck (Klasse Baukunst der Kunstakademie), Olivier und Valentijn Goethals (Kollektiv 019) und Alexander Horbach (Klasse Baukunst). – Foto: Lea Thormeyer / Architektenkammer NRW

Baukunst-Lecture: Wie das Kollektiv 019 Kunst, Architektur und Zufall verwebt

„Kreativ zu sein, ist ein mutiger Akt mit dem Risiko zu versagen.“ Das erklärte Olivier Goethals den rund 250 Architektur‑ und Kunstinteressierten, AKNW-Mitgliedern und Studierenden, die am Abend des 19. Januar in die Kunstakademie Düsseldorf strömten, um Einblicke in die Arbeit des belgischen Kunst-Kollektivs „019“ zu erhalten. Die Klasse Baukunst der Kunstakademie hatte gemeinsam mit der Architektenkammer NRW erneut zu einer Baukunst‑Lecture geladen – im Rahmen einer inzwischen etablierten und beliebten Reihe, die regelmäßig spannende Positionen aus Architektur und Kunst zusammenführt. Die Brüder Valentijn und Olivier Goethals stellten ihre oft experimentellen Projekte vor, die sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Architektur bewegen.

26. Januar 2026von Lea Thormeyer

Das belgische unabhängige Kollektiv „019“ beschreibt sich selbst als eine transdisziplinäre und nicht-kommerzielle Plattform, die Räume zur Zusammenarbeit und zur Begegnung zwischen Architektur, Grafikdesign und bildender Kunst schaffen möchte. 

Von der leeren Industriehalle zum lebendigen Kulturort

Den Ausgangspunkt für die Arbeit des Kollektivs 019 bildete die Möglichkeit, sich in einem stillgelegten Schweißwerk im alten Hafenviertel von Gent zu entfalten. Das Gebäude stellte die Stadt Gent den Künstler*innen 2013 – zunächst befristet für vier Jahre – zur Verfügung, mit dem Ziel, das dortige Quartier zu beleben. Entstanden ist ein vitaler Ort für Kunst, Ausstellungen, Konzerte, Märkte, Lesungen und vieles mehr.

Vom Graffito zum Markenzeichen: „Eat the Rich“

Den provokativen Slogan „Eat the Rich“ haben sich Valentijn und Olivier Goethals eher ungeplant zu eigen gemacht. Ursprünglich war der Schriftzug lediglich ein anonymes Graffito, das jemand an die Tür ihres Projektraums gesprüht hatte. Die Entfernung wäre aufwendig – vor allem teuer – gewesen. Also entschieden sich die Mitglieder kurzerhand dafür, den Spruch nicht nur stehen zu lassen, sondern ihn als visuelles Erkennungszeichen zu übernehmen. Was als ungeplante Intervention im Stadtraum begann, wurde so zum inoffiziellen Logo des Kollektivs und damit ein Sinnbild für ihren Umgang mit Zufällen, Kontexten und der Ästhetik des Vorhandenen. 

Auch mit Plakatwänden arbeitet das Kollektiv 019: Am Projektraum befindet sich eine in den 1990er‑Jahren illegal angebrachte, aber von der Stadt geduldete Werbefläche. Für 019 war die Miete der Plakatfläche unerschwinglich. Deshalb haben sie kurzerhand eine eigene Plakatwand (ebenfalls ohne Genehmigung) installiert. So wurde aus einer kommerziellen Struktur ein Anstoß für eine neue, selbstbestimmte Form künstlerischer Intervention im öffentlichen Raum.

Architektonische Interventionen 

Das Kollektiv arbeitet aber auch mit baulichen Strukturen. Architektur ist zudem das zweite Standbein von Olivier Goethals, der sowohl im planerischen als auch künstlerischen Bereich arbeitet. Zu den architektonischen Interventionen des Kollektivs gehört beispielsweise der Bau eines Treppengerüsts als Aussichtsturm im Design Museum Gent. Dort hatte sich das Kollektiv kurzzeitig in einem Museumsflügel eingerichtet und ein Loch in eine rückwärtige Museumswand gebrochen, sodass ein neuer Zugang zum Museum entstand. Später zog die Treppenturm-Konstruktion in den Projektraum um, der sich in ein Biotop verwandelte: 019 öffnete das Dach des Gebäudes, um im Inneren ein lebendiges Ökosystem aus einer Art Sumpf entstehen zu lassen, den das Kollektiv als Ausstellungs- und Event-Raum nutzte. 

Fahnen als künstlerisches Experimentierfeld

Valentijn Goethals, der Grafikdesigner, bildender Künstler und Musiker ist, stellte ergänzend ein fortlaufendes Projekt des Kollektivs rund um das Medium Fahne vor. Über die Jahre hinweg wurden zahlreiche Künstler*innen eingeladen, eigene Entwürfe für Fahnen zu gestalten, die an Fahnenmasten am Projektraum befestigt wurden, oft mit politischen Botschaften. Für Aktionen an wechselnden Orten entwickelte das Kollektiv zusätzlich einen mobilen Fahnenmast, an dem nun die größten Fahnen Belgiens Platz finden. 

Kunst inszenieren 

Olivier Goethals interessiert sich darüber hinaus besonders für Szenografie und stellte dem Publikum zwei seiner Projekte in Lyon und Berlin vor, bei denen er den Rahmen und Hintergrund für Ausstellungen geschaffen hat. Mit Trennwänden aus Holz, Wellblech, Containern und vielen weiteren Elementen inszeniert Goethals vielseitige Ausstellungsräume, in denen sich die präsentierte Kunst entfalten und miteinander in Beziehungen treten kann. 

„Ich halte es für eine falsche Auffassung, dass kurze Ereignisse weniger bedeutungsvoll sind als lange“, machte Olivier Goethals mit Blick auf seine und auch die Projekte des Kollektivs deutlich. 019 sei als temporäres Projekt gestartet – und zeigt bis heute, wie nachhaltig kurze Impulse Räume, Städte und kreative Gemeinschaften prägen können.

Rund 250 AKNW-Mitglieder, Studierende und Interessierte kamen in der Aula der Kunstakademie Düsseldorf für die Baukunst-Lecture zusammen. – Foto: Lea Thormeyer / Architektenkammer NRW

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