Mit großem Interesse verfolgten rund 250 AKNW-Mitglieder, Studierende und Interessierte die Baukunst‑Lecture an der Düsseldorfer Kunstakademie am 27. April, zu der zwei internationale Gäste eingeladen waren: Francesca Torzo und Luca Mostarda reisten aus Italien für die beliebte Lecture an, die zweimal im Jahr von der Kunstakademie in Kooperation mit der Architektenkammer NRW organisiert wird.
„Das, was unsere heutigen Referent*innen eint, ist ihre präzise Beobachtungsgabe und die Analyse von dem, was verfügbar ist. Das ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Fähigkeiten in der Architektur.“ Mit dieser einleitenden Bemerkung zur Arbeitsweise der beiden Gäste schürte Inge Vinck, Professorin der Klasse Baukunst der Kunstakademie, die Neugier des Auditoriums der Baukunst-Lecture - und Architektin Francesca Torzo sowie Architekt Luca Mostarda gelang es, das Publikum zu faszinieren. Sie gewährten Einblicke in ihre architektonische Arbeit und ihre Haltung zur zeitgenössischen Baukultur. Dabei rückten sowohl konzeptionelle Ansätze als auch die präzise Auseinandersetzung mit Ort, Materialität und Bestand in den Fokus.
Francesca Torzo studierte in Delft, Barcelona, Mendrisio und in Venedig. Sie arbeitete anschließend unter anderem im Büro von Peter Zumthor, dessen Haltung zur Architektur ihr Werk nachhaltig geprägt hat. Seit 2008 führt sie ein eigenes Architekturbüro in Genua. Parallel zu ihrer Praxis ist sie als Lehrende tätig: von 2017 – 2021 war Francesca Torzo Professorin an der Bergen School of Architecture; seit 2020 lehrt sie als Professorin an der Accademia di Architettura in Mendrisio.
Internationale Aufmerksamkeit erlangte Francesca Torzo insbesondere mit ihrer Erweiterung für das „Z33 – Haus für zeitgenössische Kunst, Design und Architektur“ in Hasselt, mit der sie 2018 bei der Architekturbiennale in Venedig vertreten war. Der Zuivelmarkt 33 beherbergte ursprünglich einen Beginenorden; in den 1950er Jahren war eine Umnutzung als Ausstellungsgebäude realisiert worden. Die Bauaufgabe war nun, einen Neubau sensibel in den historischen Bestand einzufügen. Francesca Torzo entwarf dafür ein zur Straße hin fensterlos geschlossenes Gebäude mit einer rautenförmigen Ziegelfassade, das an Mauerwerk-Verblendungen des Römischen Reichs erinnert. Im Inneren entfaltet sich ein komplexes Raumsystem mit verschiedenen Deckenhöhen, schmalen und breiten Räumen sowie Durchbrüchen und Nischen, das sich zum Innenhof orientiert. „Eine Stadt ist ein Ensemble aus Innenhöfen”, erklärte Torzo ihr Verständnis von urbanen Strukturen.
Francesca Torzo ist weltweit tätig und setzt sich in ihren Projekten umfassend mit der Kultur und Geschichte der jeweiligen Orte auseinander, wie sie anhand von Projekten in China zeigte (ein Aussichtspavillon aus Bambus in Yangshuo und eine Tanzschule in Bishan). Und auch Möbeldesign liegt Torzo am Herzen: Durchdachtes Design demonstrierten ein schlichter Sessel aus Stoff und einer einfachen Stahlkonstruktion sowie ein dreibeiniger Holzstuhl, der im Raum zu schweben scheint.
„Wir lieben Geschichte und wir glauben an Geschichte – und wir denken, dass die Geschichte gleichzeitig auch die Zukunft ist“, schloss Francesca Torzo ihren Vortrag.
Luca Mostarda führt zusammen mit seiner Partnerin Stefania Agostini in Mailand das Büro AMArchitectrue. Das Studio wurde 2017 gegründet und arbeitet an der Schnittstelle von Architektur, Ausstellungsgestaltung und Produktdesign. Aktuell unterrichtet Luca Mostarda zudem an der Accademia di Architettura di Mendrisio im Masterstudiengang.
Er stellte verschiedene Projekte vor, darunter ein ehemaliges Bürogebäude in Mailand aus den 1960er Jahren, das er für sich, seine Partnerin und die beiden Töchter als Wohnraum umgenutzt hatte. Da das Apartment an einer vielbefahrenen Straße gelegen ist, fand das Architektenpaar eine clevere Lösung: Sie verzichteten auf einen Teil der Wohnfläche und schufen dafür – als Puffer zur Straße – eine Art Wintergarten-Gewächshaus, in den das Paar seine Leidenschaft zum Gärtnern ausleben kann. Viel Liebe zum Detail steckt auch in den Möbeln, die zum Teil selbst designt und gebaut sind, wie ein halbrunder Tisch auf Rollen; oder auch eine Lampe, die von einem Hochhaus in Genua inspiriert ist.
Weitere Projekte belegten Luca Mostardas Interesse an industriellen Produkten. So kreierte der Architekt die Szenografie für eine Ausstellung aus Papprollen, die eigentlich für das Aufrollen von Papier oder Folie genutzt werden. Auch mit Stahlverkleidungen arbeitete das Büro in diesem Zusammenhang – die nach Ausstellungsende in anderen Kontexten weiterverwendet wurden. Für ein Wohnhaus funktionierte Mostarda zudem Kanalisationsrohre aus Beton zu Waschbecken um. Industrielle Bauteile führt das Büro so in neue, präzise gesetzte architektonische Zusammenhänge über.
Die Baukunst-Lecture machte deutlich, wie beide Architekt*innen mit großer Sorgfalt und analytischem Blick bestehende Kontexte lesen und daraus eigenständige architektonische Antworten entwickeln. Gemeinsam ist ihren Arbeiten eine intensive Auseinandersetzung mit Geschichte, Material und Ort – und der Anspruch, zeitgenössische Architektur zu entwickeln, die sensibel auf ihre Umgebung reagiert.
Save the date: nächste Baukunst-Lecture am 16.11.2026
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