„Es sind zwei Formen von Kreativität, und ich würde keine davon aufgeben wollen“, erklärte Leo Stuckardt von MVRDV beim zweiten Digital Monday 2026. Wie verändern Künstliche Intelligenz und parametrische Methoden die Entwurfspraxis? Damit beschäftigte sich die zweite Ausgabe der 7. Staffel der Architektenkammer NRW in Kooperation mit der Akademie der AKNW. Rund 1400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer schalteten sich am 9. März zu der als Zoom-Konferenz live aus der AKNW-Geschäftsstelle im Düsseldorfer Medienhafen gestreamten Veranstaltung ein. Moderiert wurde die Veranstaltung wieder von Christof Rose, stellvertretender Geschäftsführer der Architektenkammer NRW.
Zwei Perspektiven prägten den Abend, der unter dem Thema „Parametrisches Entwerfen“ stand: die analytische Einordnung von Jacqueline Peter (Universität Duisburg-Essen) sowie ein praxisnaher Einblick von Leo Stuckardt (Associate bei MVRDV, Rotterdam) in das Projekt „Valley“ in Amsterdam.
Jacqueline Peter erklärte die Unterschiede zwischen parametrischem Entwerfen und generativem Design: Während parametrische Systeme deterministisch aufgebaut sind, also auf klaren Regeln und nachvollziehbaren Parametern beruhen, arbeitet generatives Design probabilistisch: Die KI erzeugt Varianten auf Basis definierter Ziele und Randbedingungen, ohne dass ihr Entscheidungsweg vollständig transparent ist. „Beim parametrischen Entwerfen wissen wir, was rauskommt. Beim generativen Design wissen wir das nicht mehr zu hundert Prozent“, machte Peter deutlich. Man dürfe daher der KI nie blind vertrauen, denn die Verantwortung trage immer der Mensch. Künstliche Intelligenz könne also den Entwurfsprozess nicht vollständig übernehmen und den Planer oder die Planerin ersetzen. KI verändere allerdings den Zugang zum Entwurf, so Peter. Automatisierbare Prozesse, wie z. B. Protokolle, erledige die KI heute in Sekunden, wodurch sich im Berufsalltag viel Zeit sparen lasse. Für Interessierte verwies Peter auf ihre „KI-Kaffeepause“, eine Community für das Thema KI in der Baubranche.
Leo Stuckardt gewährte Einblicke in das Projekt „Valley“ im Süden der Amsterdamer Innenstadt. Er erläuterte, wie MVRDV Künstliche Intelligenz für die automatisierte Entwurfsoptimierung nutzte. Ein Entwurf beginne bei MVRDV immer intuitiv, nicht parametrisch – das gehöre zur Grundhaltung des Büros, so Stuckardt. Für das Großprojekt „Valley“ – ein Ensemble aus drei hohen Multifunktionsbauten – wurden tausende Entwurfs-Varianten automatisiert erzeugt und bewertet. Die am Ende ausgewählte Variante lag dann „erstaunlich nah“ an der ursprünglichen, intuitiven Entwurfsidee, so Leo Stuckardt, der assoziierter Partner des Rotterdamer Architekturbüros ist.
„Parametrische Tools helfen, Komplexität beherrschbar zu machen“, erläuterte Stuckardt. Dabei ersetze der Computer nicht den klassischen Entwurfsprozess, sondern validiere ihn lediglich. Die finale Entscheidungsfindung bleibe bei der Architektenschaft.
Zunehmend wichtig werde die Parametrik – laut Stuckardt – vor allem für die Analyse. Beim Thema CO₂ sei der Vergleich unterschiedlicher Entwurfsvarianten beispielsweise oft wichtiger als absolute Zahlen. Wesentlich sei, eigene Werkzeuge zu entwickeln, um die gestalterische Handschrift zu bewahren: „Wir wollen nicht abhängig sein von Tools, die wir nicht verstehen.“
Auch zur viel diskutierten Angst vor Kreativitätsverlust durch KI bezog Leo Stuckardt eine klare Position: „Es sind zwei Formen von Kreativität, und ich würde keine davon aufgeben wollen.“ Stuckardts Beitrag verdeutlichte, dass sich der Fokus im digitalen Entwerfen verschiebt: weg von der reinen Formfindung und hin zu Analyse, Bewertung und Planungsoptimierung mit dem Ziel einer besseren Nachhaltigkeit. KI beschleunigt den Entwurfsprozess und erweitert ihn – ersetzt ihn jedoch nicht. Das Gestalten bleibe eine menschliche Aufgabe mit neuen Werkzeugen. Aber, wie Stuckardt formulierte: „Wenn man sich jetzt nicht damit beschäftigt, fährt der Zug irgendwann ab.“
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