Wie findet der Inhalt seine Form? Drei Fragen an Ursula Kleefisch-Jobst, Generalkuratorin im Museum der Baukultur Nordrhein-Westfalen zur Szenografie der Ausstellung „Harald Deilmann – Lebendige Architektur“ im Baukunstarchiv
Die Ausstellung „Harald Deilmann. Lebendige Architektur“ fußt maßgeblich auf der jahrelangen wissenschaftlichen Forschung des Architekten Stefan Rethfeld über den für die junge Bundesrepublik bedeutenden Baumeister und sein umfangreiches Werk. Die Grundlage für Forschung und Ausstellung ist der Nachlass von Harald Deilmann, der im Baukunstarchiv NRW in Dortmund aufbewahrt wird. Die Aufgabe des Museums der Baukultur war es, das vielfältige Material und das fachliche Wissen von Kurator Stefan Rethfeld in einer kompakten Ausstellung für den an Architektur interessierten Laien anregend und verständlich darzustellen.
1. Der Architekt Harald Deilmann war in seiner Arbeit vielseitig und vielfältig tätig. Er hat keinen unverwechselbaren Stil geprägt. Wie hat dies die Entwicklung und Gestaltung der Szenografie der Ausstellung beeinflusst?
Für uns als Museum der Baukultur Nordrhein-Westfalen war es zunächst sehr wichtig, im Rahmen eines Ideenwettbewerbs einen Ausstellungsarchitekten zu finden, der neben den formalen Anforderungen an eine Ausstellungsinszenierung insbesondere auch ein Verständnis für die Architektur Harald Deilmanns besitzt. Der Architekt Martin Sinken und die Grafiker Matthias und Jule Steffen von der Agentur kikkerbillen aus Köln stellen sich der Herausforderung: Wie sieht eine „maßgeschneiderte“ Deilmann-Ausstellung aus, die nicht auch Kulisse für beliebigen anderen Nachkriegsarchitekten sein kann, sondern es schafft, Alleinstellungsmerkmale herauszuarbeiten? Es war naheliegend, das Ordnungsprinzip nach Baugattungen, wie es im Büro Deilmann praktiziert wurde, auch dem Ausstellungsrundgang zugrunde zu legen.
Innerhalb einer jeden Typologie haben wir gemeinsam mit dem Kurator Stefan Rethfeld ein besonders typisches und herausragendes Projekt ausgewählt. Dabei mussten wir über fünf Jahrzehnte aktiven Schaffens im Blick behalten. Und es zeichnete sich doch ein Merkmal Deilmann‘scher Architektur heraus: Die starke Plastizität seiner Baukörper. Dieses gemeinsame Charakteristikum gab den Anstoß, aus den jeweiligen prägnanten Stellvertretern der einzelnen Gattungen jeweils eine raumgreifende „Linienskulptur“ zu entwickeln.
Es entstanden acht Skulpturen für die Themen: Stadt – Wohnen – Bildung – Gesundheit – Kultur – Unternehmen – Gemeinwesen – Innen. Diese acht Module, die Platz für unterschiedlichste Exponate bieten, sind aus gebogenem Betonstahl, einem elementaren Baumaterial, geformt. Die dünnen Stahlstäbe, für die Ausstellung in ein leuchtendes Orange getaucht, verleihen den Skulpturen etwas Abstraktes, lineares und erinnern an die Linien einer Zeichnung.
2. Zentrales Motiv der Ausstellung ist die sogenannte „Deilmann-City“. Was verbirgt sich dahinter?
Die acht „Linienskulpturen“ bilden eine Stadt mit ihren unterschiedlichen Bauwerken vom Rathaus, über die Kirche, das Wohnhaus bis hin zum Kreditinstitut. Im Atrium des Baukunstarchivs entsteht die Deilmann-City aus charakteristischen Bauelementen des Architekten. Der Besucher kann diese Deilmann-City auf der Ebene eines Fußgängers durchwandern und eine Fülle weiterer Projekte des Architekten entdecken. Und: Er kann die Deilmann-City auch aus einer Vogelperspektive von den Galerien im 1. und 2. Obergeschoß betrachten.
3. Eine monografische Ausstellung erzählt keine sentimentale Lebensgeschichte. Idealerweise informiert sie die Besucher*innen optisch ansprechend, unterhaltsam und inhaltlich fundiert über die Biografie. Wie sind Sie im Fall Harald Deilmann vorgegangen?
Der Reiz von monografischen Ausstellungen besteht darin, den Menschen hinter dem Werk für die Besucherinnen und Besucher erlebbar zu machen. Dazu dienen persönliche Gegenstände, vielfach auch private und familiäre Fotos und – im Fall von Harald Deilmann – Skizzenbücher mit flüchtigen Eindrücken von Reisen und Bauwerken, die ihn inspiriert haben; aber auch eine Vielzahl von Publikationen des Architekten. Die Söhne Thomas und Andreas Deilmann waren sehr großzügig, uns Einblick in diese persönlichen Dinge zu ermöglichen. In acht „Biografie-Kästen“ im Umgang um das Atrium werden die wichtigen Lebensstationen von Harald Deilmann anhand dieser persönlichen Gegenstände anschaulich. So umschließt die Person Harald Deilmann gleichsam das Werk.
Die Verbindung von Mensch und Werk in einer monografischen Ausstellung ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern Gedanken, Überlegungen und Herangehensweisen des Architekten nachzuvollziehen. Das erweitert nicht nur den historischen Blick, sondern schärft auch den Blick für die aktuelle gebaute Umwelt, denn Anforderungen an bauliche Gestaltung im Kontext, an Materialien, an Proportionen, an Funktionalität und die Einbindung von künstlerischen Positionen in ein Bauwerk sind immer aktuell.
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