Diskussion von Baukultur NRW in Kooperation mit der Architektenkammer NRW in der Berger Kirche Düsseldorf
Das Museum der Baukultur NRW rückt in der Wanderausstellung „Kirchen als Vierte Orte. Perspektiven des Wandels“ seit einem Jahr Menschen in den Mittelpunkt, die sich aus unterschiedlichen Gründen mit dem Thema Kirchentransformation beschäftigen. Die Ausstellung ist bis zum 13. Dezember 2025 in der Berger Kirche in der Düsseldorfer Altstadt zu sehen. Am 11. November fand im Rahmen der Ausstellung „Kirchen als Vierte Orte“ auf Einladung der Landesinitiative Baukultur NRW in Kooperation mit der Architektenkammer NRW in der Berger Kirche ein Diskussionsabend zum Thema „Kirchentransformation – Architekturaufgabe und Stadtentwicklungsmoment“ statt.
Im Mittelpunkt des interdisziplinären Austausches zwischen Architekt*innen und Vertreter*innen der evangelischen Kirche standen die Fragen: Wie lassen sich leerstehende Kirchen neu denken – und welche Aufgaben ergeben sich daraus für Architektinnen und Architekten? Welche Rolle spielen Kirchengebäude für die Stadtentwicklung, und wie kann ein Dialog zwischen Trägern, Kommunen und Initiativen über die Transformation von Sakralbauten gestaltet werden?
„Es gibt keine andere Gebäudetypologie, die so stark mit Emotionen verbunden ist“, sagte Felix Hemmers, Kurator der Ausstellung „Kirchen als vierte Orte“ von Baukultur NRW, zum Auftakt des Abends. Kirchen seien Räume, die auf ihre Wirkung hin angelegt seien. Das gebe ihnen die Stärke, Menschen zu berühren oder auch sie zur Ruhe kommen zu lassen.
„Wir reden für NRW über bis zu 4000 Sakralbauten, die aus ihrer ursprünglichen Funktion fallen“, führte Hemmers aus. Baukultur NRW erhalte „ständig steigende Anfragen“ von betroffenen Kirchengemeinden, die um Unterstützung nachsuchten.
„Kirchen sind sichtbare Zeichen einer 2000-jährigen europäischen Geschichte - und zugleich in zunehmendem Maße Spiegel einer Gesellschaft im Wandel“, erklärte AKNW-Präsident Ernst Uhing in einem Impulsvortrag. „Wir sagen: Wenn ein Kirchenraum nicht mehr liturgisch genutzt wird, heißt das nicht, dass er keine Bedeutung mehr hat.“ Wie der Präsident der Architektenkammer NRW ausführte, könnten Sakralräum in neue Orte der Begegnung überführt werden - für Kultur und Bildung, für ein soziales Miteinander oder schlicht für die Menschen im Quartier. „Die Umwandlung dieser bisher monothematisch genutzten Räume in möglicherweise multi-codierte Orte der Begegnung und des Austausches bietet vielfältige Chancen für die Stadtentwicklung.“
Katja Mehring, Architektin aus Mönchengladbach, knüpfte aus ihrer Erfahrung mit Kirchenprojekten an diese Aussagen an und betonte, dass man Kirchgebäude immer gemeinsam mit dem Städtebau denken müsse. „Die Herausforderung lautet jeweils, die besondere Geschichte des Ortes mit in die Zukunftsplanung einzubeziehen.“ Mehring berichtete von der Umgestaltung von „St. Kamillus“ in Mönchengladbach – ein expressionistischer Kirchenbau von Dominikus Böhm, „der mir großen Respekt eingeflößt hat.“ Das Kolumbarium, das die Architektin dort realisieren konnte, sei heute kein toter Ort, sondern ganz im Gegenteil ein vitaler Ort der Begegnung.
Aus ihrer Erfahrung gelte: „Leerstand ist keine Option!“ Ein Gebäude, das nicht mehr genutzt werde, verfalle. Als Architektin wünsche sich sich den Mut der Gemeinden, Veränderungen zuzulassen. „Elementar ist ein Raum für Begegnungen, gerade in unserer digitalen Gesellschaft.“ Notwendig sei eine Plattform für die Frage, wie solche Projekte finanziert werden können.
Thomas Schaplick (PBSA) bestätigte, dass Kirchen für Architekturstudierende ein interessantes und wichtiges Thema sei. Gegenwärtig beschäftige er sich mit Studentinnen und Studenten mit der Zions-Kirche in Düsseldorf. „Wir haben uns in einem Reallabor den Raum angeeignet, um ein Gefühl für seine Stärken zu entwickeln.“ Ein wichtiger Aspekt bei der Transformation des Sakralraums sei die Aufgabe, Partizipation zu ermöglichen: „Nachbarschaft und Umfeld müssen in den Prozess einbezogen werden.“
Aus Sicht der Kirchen und der Gemeindemitglieder sei der Verlust eines Kirchbaus und die begleitende Zusammenlegung von Gemeinden „ein schmerzhafter Prozess“, betonte Brigitte Brühn. Die Pfarrerin der Kirchengemeinde Düsseldorf-Mitte berichtete über das Projekt „Zions-Kirche“ in Düsseldorf, die weiterhin genutzt werde. Das „robuste Kleinod des Brutalismus“ von 1969 diene als Tafel, als Tagungsort für Arbeitsgemeinschaften und Vereine.
Bewusst provokativ äußerte sich Heinrich Fuchs, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Düsseldorf-Mitte: „Die evangelische Kirche braucht kein Gebäude.“ Für evangelische Christen stehe das Wort Jesu im Mittelpunkt, nicht der umgebende Bau. „Aber wir brauchen Räume, um uns zu treffen. Und wir sehen uns natürlich in Verantwortung für die Sakralbauten.“ Die schrumpfenden Gemeinden bräuchten aber Hilfe von der Gesellschaft, „und zwar ganz konkret finanzielle Hilfen“. Schwierig sei eine idealistische Argumentation; erfolgversprechend dagegen ein pragmatischer Angang. Architektinnen und Architekten käme bei den Transformationsprozessen häufig auch die „Rolle des Moderators“ zu, schon vor dem eigentlichen Planungsbeginn, so Superintendent Fuchs.
AKNW-Präsident Ernst Uhing plädierte für eine stärker interdisziplinäre Ausrichtung der Debatte. „Wir wünschen uns auch Offenheit in den Planungsauflagen, damit eine Umnutzung nicht an Auflagen und Formalismen scheitert.“ Die Ausstellung „Kirchen als vierte Orte“ von Baukultur NRW verfolge genau diesen Ansatz und sei ein wertvoller Beitrag zu der drängenden Frage der Kirchenumnutzung. „Die Architektenkammer NRW befasst sich schon seit 15 Jahren intensiv mit dieser Fragestellung, und die steigende Zahl von Kirchenentwidmungen zeigt, dass wir hier weiterhin dringenden Handlungsbedarf haben – als planende Berufe, aber auch als Gesellschaft insgesamt.“
„Kirchen als vierte Orte“. Berger Kirche (Berger Str. 18, Düsseldorf-Altstadt); geöffnet bis zum 13. Dezember dienstags 12.00 - 17.30 Uhr; samstags 11.00 – 15.00 Uhr; Eintritt frei.
Die Architektenkammer NRW zeigt mit dem BVAF NRW bis zum 21.11.25 die Fotoausstellung „Besondere Räume – Sakralbauten im Wandel“. Architektenkammer NRW, Zollhof 1, Düsseldorf-Medienhafen. Eintritt frei.
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