Der bedeutende Stadtplaner und Architekt Gerhard Curdes ist Ende des vergangen Jahres verstorben. Curdes hat mehrere Generationen von Planer*innen und Stadtplanerinnen und Stadtplaner in der Region geprägt. Ein Nachruf von Prof. Christa Reicher (RWTH Aachen).
Gerhard Curdes wurde am 27. April 1933 in Rengsdorf (Landkreis Neuwied) geboren und starb am 12.12.2025 in Aachen. Von 1971-1998 war er Professor für Städtebau und Landesplanung an der Fakultät für Architektur der RWTH Aachen. Nach einer Ausbildung und Tätigkeit als Bau- und Möbelschreiner studierte Curdes Architektur an der Staatlichen Hochschule Bremen sowie an der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG). Anschließend war er am Institut der Handelsforschung, dem INGESTA in Köln, tätig und hat dort von 1964 bis 1967 den Bereich Stadt- und Regionalplanung geleitet. Im Jahr 1967 wurde er in den Planungsstab des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen erufen, dem er bis 1969 angehörte. In dieser Rolle hat Curdes die raumbezogenen Teile des Entwicklungsprogramms Ruhr und des Nordrhein-Westfalen-Programms 1975 erarbeitet.
Als 1965 die Gesellschaft für Regionalforschung (GfR) gegründet wurde, gehörte Curdes zu den Gründungsmitgliedern dieser deutschen Sektion der Regional Science Association, Philadelphia und hat in dieser Funktion u.a. die Schriftenreihe der GfR betreut. Später – 1986 bis 1991 – war er Vorsitzender der GfR.
Von 1969 bis 1971 war Curdes dann als Dozent am Institut für Umweltplanung Ulm der Universität Stuttgart (ehemals Hochschule für Gestaltung) tätig. Aus dieser Zeit stammt auch eine vielbeachtete Veröffentlichung “Umweltplanung in der Industriegesellschaft” (1970, erschienen im rororo Verlag), die er gemeinsam mit Konrad Stahl herausgegeben hat und deren Inhalte der Westdeutsche Rundfunk seinerzeit in einer gleichnamigen und vielbeachteten Filmreihe gezeigt hat.
Im Jahr 1971 folgte er dem Ruf an die RWTH und war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1998 Professor am Lehrstuhl und Institut für Städtebau und Landesplanung. International hat sich Curdes in der Assoziation der Europäischen Planerschulen (AESOP) engagiert; von 1990 bis 1994 war er deutscher Vertreter in der AESOP.
Auch seine Forschung zeichnet sich durch einen Fokus auf und den Diskurs über internationale Entwicklungen aus. Unter dem Titel “URBINNO - Urban Innovation and the Role of Social and Technological Change” hat Gerhard Curdes ab 1985 ein langjähriges Forschungsprojekt geleitet, das zunächst durch die VW-Stiftung finanziert und später von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde. In Kooperation mit Prof. Dr. Halina Dunin-Woyseth, University of Architecture and Urbanism in Oslo, sind spannende Impulse für Forschung und Lehre gewonnen worden, die sich durch Mehrdimensionalität und Multidisziplinarität auszeichnen.
Der internationale Austausch, u.a. auch mit Peter Nijkamp, Professor of Regional Economics and Economic Geography at the Vrije Universiteit Amsterdam, hat in der Folge die Thematik Ökonomie und Wandel der Regionen befördert und ist in Projekten wie “Sustainability of Urban Systems – A Cross-National Evolutionary Analysis of Urban Innovation” gemündet; die Erkenntnisse sind in der Reihe Urban Europe Systems (erschienen bei Avebury, Aldershot) veröffentlicht worden.
In der Reihe “Urban Europe Series” war Gerhard Curdes 1993, gemeinsam mit Armando Montanari und Leslie Forsyth, Herausgeber der Publikation “Urban Landscape Dynamics, A Multi-Level Innovation Process” (erschienen bei Avebury, Aldershot). Die Publikation fasst die Ergebnisse einer zehnjährigen internationalen Forschungskooperation zum Thema des Wandels der Stadträume in Europa unter Einfluss von Innovationen mit Kollegen aus Lissabon, Rom, Liverpool, Thessaloniki, Bari, Kecskemet und Tromsö/Oslo zusammen. Einerseits wurden die räumlichen Wirkungen von Wandel thematisiert, andererseits sind im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsansatzes die Einflussfaktoren des Wandels auf den Raum beleuchtet worden. Diese Forschung fand ihre Fortsetzung in der Veröffentlichung von drei Biographien deutscher Städte mit Blick auf den Einfluss von Innovationen – im Laufe der Zeit – auf den Stadtraum: Aachen, Köln und Duisburg (1998-1999, Autoren: Curdes, G.; Curdes G. und Ulrich, M.; Haase, A.; Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur, Dortmund).
Trotz des aufgezeigten weiten und vielfältigen Blickwinkels auf den Wandel der Stadt engagierte sich Gerhard Curdes auch sehr intensiv für die kleinräumigeren Zusammenhänge von Freiraum und Bebauung sowie deren Gestaltung. Vor diesem Hintergrund entstand 1997 im Rahmen einer zweijährigen Kooperation der Assistent*innen am Lehrstuhl für Städtebau die Publikation “Grün. Raum. Struktur – Aachen in Schichten”. Sie ist das Plädoyer des Lehrstuhlinhabers für eine zeitgemäße Qualität der Vegetation in der Stadt. Dabei wird die Geschichte der Pflanzung von Bäumen und der Anlage von Gärten auf öffentlichen und privaten Flächen in den unterschiedlichen Phasen - vom Mittelalter bis in die 1990er Jahre - in ihren jeweiligen Lagen abgebildet. Ohne historische Vermächtnisse zu verwässern und ohne innere Stadträume mit sub-urbaner Begrünung zu verwildern, werden hier wertvolle Erkenntnisse zusammengetragen, die noch heute äußerst relevant sind.
Die Freude von Curdes an der Gestaltungslehre betraf nicht nur die Stadt- und Freiräume, sondern auch die Einfügung von einzelnen Bauwerken in den städtebaulichen Kontext sowie die Stadterneuerung insgesamt. All diese Facetten seiner Lehre und Forschung standen im Kontext seines bürgerschaftlichen Engagements für die Stadtgesellschaft, eingebunden in Ort und Zeit.
In seiner Heimatstadt Aachen hatte Curdes verschiedene Funktionen inne: Von 2015-2019 war er Mitglied des Arbeitskreises Denkmalpflege bei der Stadt Aachen, der die Errichtung des Centre Charlemagne und ein Geschichtsnetzwerk zur Euregio Maas-Rhein initiiert.
1980 wurde Curdes in die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) berufen. Im Jahre 2016 ist er als vielbeachteter Stadtplaner und Hochschullehrer für sein Lebenswerk mit dem Halstenberg-Preis in Form der Halstenberg-Medaille der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen der DASL ausgezeichnet worden.
Gerhard Curdes war aus Überzeugung Wissenschaftler. Im Zuge der intensiven Beschäftigung mit den Stadträumen von verschiedenen Städten wie Köln ("Die Entwicklung des Kölner Stadtraumes“) und Aachen ("Die Entwicklung des Aachener Stadtraumes") hat er eindrücklich aufgezeigt, welchen Einfluss Innovationen und Leitbilder auf die Form einer Stadt haben. Ein besonderer Beitrag dieser Studien liegt in der integrierten Betrachtung von Siedlungsentwicklung, Verkehr und sozialen Einflussfaktoren auf die Erfahrbarkeit des Stadtraums als urbanes Strukturgefüge.
Die Erkenntnisse aus der Forschung und Projekten hat er in verschiedenen Lehr- und Grundlagenbüchern zusammengetragen: Die Publikation “Stadtstruktur und Stadtgestaltung”, 1993 im Kohlhammer Verlag erschienen und später ins Chinesische übersetzt, ist auch heute noch ein Standardwerk in der Ausbildung von Planer*innen und Architekt*innen. Und das 1995 publizierte Buch “Stadtstrukturelles Entwerfen”, das im gleichen Verlag erschienen ist und ebenfalls ins Chinesische übersetzt wurde, gibt wertvolle Hinweise, wie aus der Stadtmorphologie eine Hilfestellung für das städtebauliche Entwerfen abgeleitet werden kann.
Stadtplaner werden heute vielfach nach ihrer Haltung zum Städtebau eingeschätzt. So gilt Gerhard Curdes als jemand, der weniger selbst entworfen, sondern sich stark auf Kenntnisse aus der Forschung und der Stadtgeschichte bezogen hat. Die Stadtmorphologie im Sinne der Entwicklung der Form und der Struktur der Stadt aus den vorgefundenen Gesetzmäßigkeiten und den geschichtlichen Spuren hat ihn in besonderem Maße beschäftigt. “Stadtgrundrisse sind Lesebücher der Stadtbaukultur” hat er gerne und oft betont. Wenn Curdes heute als Vertreter eines stadtmorphologischen und historisch reflektierenden Städtebaus angesehen wird, dann ist dieses vor allem seiner intensiven Auseinandersetzung mit den Einflussfaktoren auf die Stadtstruktur geschuldet. Die Erkenntnisse hieraus hat er aufbereitet und als Lehrmethode für das Analysieren und das Entwerfen der Stadt zur Diskussion gestellt. Er gab gerne und engagiert sein großes Fachwissen an die Studierenden weiter – in Vorlesungen, Vorträgen und zahlreichen Publikationen.
Mit Leidenschaft für Lehre und Forschung und mit großem Engagement – auch wenn es um Kritik an zeitbedingten Moden ging - hat Gerhard Curdes in der Nachfolge von Erich Kühn den Lehrstuhl für Städtebau und Landesplanung an der RWTH Aachen über fast drei Jahrzehnte neu aufgebaut, geleitet und dabei ganze Stadtplaner-Generationen, insbesondere mit dem Wissen um systematisches Erfassen und Bewerten von Stadtraum, mitgeprägt.
In Dankbarkeit blicken wir zurück auf das Werk eines renommierten Stadtplaners, eines zugewandten Lehrers und eines begeisterten Wissenschaftlers. Und auf einen beeindruckenden Menschen!
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