„Was Jürgen Meier uns präsentiert, ist der Blick über die Schulter, der Blick auf das Fragile, auf das Tastende des Entwerfens, was eben den Architekten oder die Architektin ausmacht.“ – Mit diesen Worten begrüßte Markus Lehrmann, Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer NRW, am 5. Mai zur Vernissage der Ausstellung „Irregular“ des Leipziger Künstlers Jürgen Meier. „Irregular“ ist bis zum 12. Juni im Foyer der AKNW-Geschäftsstelle im Düsseldorfer Medienhafen zu sehen.
Jürgen Meier (*1957 in Essen) wurde in Münster, London und Leipzig ausgebildet und arbeitet seit vielen Jahren als Künstler, Dozent und als künstlerischer Leiter der Lichtfeste in Leipzig.
In der Ausstellung „Irregular“ nimmt Meier ein Stück deutscher Architekturgeschichte in den Fokus: Die Olympischen Spiele 1972. Eine Zeit des architektonischen Aufbruchs und einer neuen, leichten Formensprache, die von bedeutenden Persönlichkeiten wie Frei Otto und Günter Behnisch geprägt wurde. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen jedoch nicht die architektonischen Ikonen von Olympia, sondern die Menschen und die Geschichten hinter dem Entstehungsprozess. Einen Menschen nimmt Meier dabei besonders in den Blick: Murray Church, Projektleiter der baulichen Entwicklung von Olympia 1972. Tatsächlich ist Church aber nicht nur der Mann, bei dem alle Fäden des Olympiaprojektes zusammenliefen, sondern er hat auch einen persönlichen Bezug zum Künstler: Er ist der Schwiegervater von Jürgen Meier. Neben dem familiären Bezug reizten Meier aber weitere Aspekte des Projektes. „Zwei Dinge haben mich an Olympia besonders beschäftigt. Zum einen die Frage, wie es dazu kam, dass mehrere Architekturbüros im Kollektiv auf Augenhöhe zusammengearbeitet haben. Und zum anderen, woher diese unglaubliche Leichtigkeit kommt, die man in diesem Olympia-Projekt der 1970er Jahre sehen kann“, so Meier.
Die Geschichte von Olympia 72 erzählt Meier über verschiedene Szenen und Porträts der beteiligten Personen. „Das sind aber keine statuarischen Porträts von Göttern der Architekturgeschichte, sondern das sind Bilder von Architekten, von Ingenieuren, die im Arbeitsprozess sind, die auf dem Boden liegen, die mit Modellen spielen. Es ist eine ganz komplexe Installation“, erläuterte der Kulturjournalist und Schriftsteller Andreas Höll, der zum Künstlerdialog mit Jürgen Meier anlässlich der Vernissage sprach. Jürgen Meier sei ein forschender Künstler, der wissenschaftliche mit ästhetischen Ansätzen verknüpfe, so Höll.
Für seine Bilder nutzt Meier neben der Acrylmalerei auf Leinwand auch das Medium Aquarell. „Wenn man einen Charakter erfassen will, dann ist es sehr gut, das in einem Medium zu machen, das diese Bewegung erfasst. Ein Aquarell stoppt nicht – es stockt. Das heißt, es trocknet und es verändert sich dabei“, begründete Meier seine Begeisterung für die Aquarellmalerei. Dennoch sei Meier nicht nur in den klassischen künstlerischen Medien unterwegs, sondern nutze auch Videokunst und Virtual Reality als Ausdrucksmittel. So ist in der Ausstellung auch ein Video von dem komplexen Ausstellungsaufbau zu sehen, der ein besonderes Raumerlebnis ist. Anstatt klassisch in horizontaler Anordnung erstreckt sich die Ausstellung vertikal über ein hohes Gerüst inmitten des Foyers. So können Besucherinnen und Besucher verschiedene Perspektiven einnehmen und dadurch immer wieder neu zusammengesetzte Szenen entdecken.
Der Titel der Ausstellung „Irregular“ ist auf Murray Church zurückzuführen. In einem Interview zum Olympiaprojekt hatte Church erklärt: „Ich bin so ein Freischärler von Natur aus“. „Irregular“ ist die englische Übersetzung des Begriffs.
Damit wird der Ausstellungstitel selbst zum programmatischen Schlüssel: „Irregular“ steht nicht nur für eine persönliche Haltung, sondern auch für eine Arbeitsweise, die sich bewusst gegen starre Hierarchien, gegen formale Strenge und gegen das fertige, abgeschlossene Bild wendet. Vielmehr rückt Meier das Unfertige, das Offene und das Prozesshafte in den Mittelpunkt – und damit genau jene Qualitäten, die auch das Entwerfen in der Architektur prägen.
„Sie schaffen mit Ihrer Kunst Momente. Momente heißt, dass nichts fertig ist. Architekten und Stadtplaner sind nie fertig. Weil ein Projekt weiterlebt, nachdem man es fertiggestellt hat. Und gerade Stadt ist nie fertig“, resümierte Markus Lehrmann.
Zuletzt verwies Lehrmann auf die Aktualität des Themas Olympia, schließlich werde sich NRW um eine Olympiateilnahme für 2036 bewerben. Olympia 1972 könne dabei auch Vorbild sein – schließlich habe man hier ein sehr erfolgreiches und nachhaltiges Modell geschaffen, so Jürgen Meier. Sowohl das Olympiadorf als auch das Olympiastadion erfreuen sich heute noch großer Beliebtheit.
Am 29.5.2026 um 16.00 Uhr führt Jürgen Meier durch die Ausstellung. Anmeldelink zur Führung in Kürze hier.
„Irregular“ – Jürgen Meier, Ausstellung in der Architektenkammer NRW bis zum 12. Juni, Öffnungszeiten: Mo-Fr 8:00 -17:00 Uhr
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