Ergebnisse einer Forschungsstudie der AKNW

Zum Download: Studie "Zukunft der Architekten - Berufsbild und Märkte"

Wie entwickeln und verändern sich gegenwärtig die Märkte und mit ihnen das Berufsbild „Architekt/in“? - Um diese Frage zu beantworten, hat das Beratungsunternehmen Hommerich Forschung + Dienste (Bergisch-Gladbach) im Auftrag der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen ein umfassendes Forschungsprojekt zum Thema „Die Zukunft der Architekten – Berufsbild und Märkte“ durchgeführt. Professor Christoph Hommerich hat langjährige, profunde Erfahrung in der Beratung der Architektenschaft.

18. Oktober 2005von Jörg Wessels

Das Erkenntnisinteresse der Studie zielte darauf, den Wandel des Berufsbilds unter veränderten ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu analysieren sowie zukunftsfähige Tätigkeitsbereiche zu identifizieren, die neue Berufschancen für Architektinnen und Architekten bieten. Untersuchungsgegenstand des Forschungsprojekts waren die freischaffenden Architekten.

In der Studie finden sich aber eine Vielzahl von Erkenntnissen und Handlungsempfehlungen allgemeiner Art, die sich auch auf die Fachrichtungen der Landschaftsarchitekten, Innenarchitekten und Stadtplaner übertragen lassen. Insofern liefert die Studie verwertbare Informationen für alle Kammermitglieder.

Forschungsdesign

Für die Durchführung der Untersuchung wurde die so genannte Delphi-Methode gewählt. Darunter versteht man ein systematisches, mehrstufiges Interviewverfahren, das für die Ermittlung von Zukunftsprognosen und die Entwicklung von Trendaussagen angewendet wird. Das Forschungslayout gliederte sich in drei Bereiche: Erste Projektmaßnahme war die Sekundäranalyse von drei Teilmärkten (Wohnungsbau, Gewerbebau, öffentlicher Hochbau), verbunden mit der Auswertung relevanter empirischer Daten. Im Anschluss daran erfolgte eine schriftliche Befragung von Experten aus Politik, Bau- und Immobilienwirtschaft, Bildung und Forschung, Kammern, Verbänden, Publizistik und Architektur. Die außergewöhnlich hohe Rücklaufquote von 42 % der Fragebögen verweist auf das große Interesse, das die Untersuchung bei den beteiligten Fachleuten gefunden hat. Zentrale Befragungsergebnisse aus Sekundäranalyse und primärstatistischer Erhebung wurden anschließend im Dialog mit Architekten und externen Fachleuten einer Plausibilitätsprüfung unterzogen. Ausgewählte Projektergebnisse werden nachstehend dargestellt. 

Marktanalyse

Im Rahmen des Forschungsvorhabens wurden die Entwicklung in den drei Teilmärkten des Wohnungsbaus, des Gewerbebaus und des öffentlichen Hochbaus analysiert. Als grundlegende Erkenntnis aus der Untersuchung lässt sich fest halten, dass freischaffende Architekten weiterhin in einem schwierigen Marktumfeld arbeiten werden, das von hoher Unsicherheit gekennzeichnet ist.

Die Markteinschätzung ist uneinheitlich. Während die Nachfrage nach Architektenleistungen in den traditionellen Kernmärkten tendenziell eher rückläufig sein wird, dürfte sich die Nachfrage bei Bestandmaßnahmen nach Einschätzung der Gutachter weiter positiv entwickeln. Für Resignation besteht demnach kein Anlass.

Schrumpfende Auftragspotenziale bei Neubauten können möglicherweise durch eine stärkere Orientierung von Architekten auf das Bauen im Bestand und attraktive neue Marktsegmente kompensiert werden. Die Zukunftsstudie zeigt auf, dass spezifische Teil- und Nischenmärkte, in denen Architekten bislang eher schwach vertreten sind, ein hohes Beschäftigungspotenzial bieten. Die Aufgabe für Architekten besteht demnach in der Erschließung dieser Marktsegmente („in die Lücke springen“).

Der Markt für Architektenleistungen hat sich in den letzten Jahren von einem Anbieter- zu einem Nachfragermarkt gewandelt. Daran wird sich nach allgemeiner Einschätzung der Experten auf mittlere Sicht nichts ändern. Als Konsequenz ergibt sich für freischaffende Architekten daraus, dass sie ihre Position im Markt flexibler und aktiver gestalten müssen, um die Existenz ihrer Büros zu festigen und sich im Wettbewerb behaupten zu können. 

Wandel des Berufsbilds

Veränderte Rahmenbedingungen für die Berufsausübung bleiben nicht ohne Rückwirkung auf das Berufsbild. Architekten werden immer häufiger in komplexe Projektmanagementteams eingebunden. Vor diesem Hintergrund müssen sie die Zusammenarbeit mit Partnern aus anderen Baubereichen suchen und aktiv gestalten, gemäß der Devise: Kooperation statt Konkurrenz. Architektinnen und Architekten müssen sich zudem verstärkt in komplexe Wertschöpfungsketten integrieren. Dies setzt die Bereitschaft voraus, nicht nur das gesamte Spektrum der HOAI-Leistungsphasen 1-9 anzubieten, sondern auch dazu bereit zu sein, Teilleistungen zu erbringen und auch fragmentierte Aufgaben zu übernehmen. 

Handlungsstrategien

Architekten müssen ihre Stellung im Wettbewerb regelmäßig überprüfen und sich gegebenenfalls neu positionieren. Wichtig ist ein klares Geschäftskonzept, im den ggf. die Erschließung eines neuen Tätigkeitsfeldes systematisch angelegt ist. Die Zukunftsstudie zeigt auf, dass diese oftmals in Teil- und Nischenmärkten zu suchen sind.

In einem Nachfragermarkt müssen Architekten die Bedürfnisstrukturen potenzieller Kunden erfassen und diese in marktfähige Konzepte übersetzen - zum Beispiel durch das Angebot einer Corporate-Identity-Beratung für potenzielle Auftraggeber. 

Strategische Ausrichtung

Architekten müssen sich auf ausgewählte Schwerpunkte konzentrieren. In der Expertendiskussion wurde hierfür der Begriff vom „Generalisten mit Kernkompetenzen“ geprägt. Am Anfang muss eine klare Definition von Entwicklungsziel und Entwicklungsrichtung für das Büro stehen. Erfolgsorientiertes Agieren in einem schwierigen Marktumfeld setzt voraus, dass Architekten eine marktgerechte Balance finden zwischen Spezialisierung und einer Leistungsbreite, die flexible Reaktionen auf wechselnde Marktanforderungen ermöglicht. Der Markt fordert heutzutage zunehmend integrierte Dienstleistungen aus einer Hand. Die Gutachter ziehen aus dieser Beobachtung die Schlussfolgerung, dass Architekten sich untereinander stärker vernetzen sollten; dies gilt gleichermaßen für Kooperationsformen mit Leistungserbringern aus anderen Berufen in interdisziplinären Teams, um komplexe Bauaufgaben lösen und sich flexibel auf wandelnde Anforderungen des Marktes reagieren zu können. 

Vermarktungs- und Dienstleistungskompetenz stärken

Eine zentrale Aufgabe sehen die Gutachter im so genannten Vertrauensmarketing des Architekten. Elementarer Bestandteil von Vertrauensmarketing ist naturgemäß die Qualität der Leistung. Architekten müssen in der Lage sein, potenziellen Bauherrn den Nutzen ihres Leistungsangebots zu vermitteln. Vertrauen erwerben sich Architekten auch, indem sie als sich noch stärker als unabhängige Berater des Bauherrn profilieren. Architekten müssen die Erwartungen ihrer Bauherren in Bezug auf Funktionalität, Qualität, Kosten und Termine genau kennen und ernst nehmen. Absprachen müssen eingehalten und etwaige Abweichungen von der ursprünglichen Planung aktiv kommuniziert werden. Bei der Projektrealisierung müssen Architekten eine Balance zwischen gestalterischen Ansprüchen und Wirtschaftlichkeitskriterien finden. 

Tätigkeitsbereiche mit Perspektive

Der Aus- und Umbau sowie der Rückbau von Gebäuden wird mit Blick auf die Aufgaben, die sich aus dem „Stadtumbau West“ ergeben, ein Tätigkeitsfeld mit Perspektive sein. Im Kontext der demographischen Entwicklung der Gesellschaft wird auch altengerechtes Bauen weiter an Relevanz gewinnen.

Mit der zunehmenden Bedeutung des Bestands gegenüber dem Neubau stellt sich die Frage nach der Bestandsbewertung, d. h. der Klassifikation von Gebäuden in erhaltenswerte bzw. abrissreife Objekte. Ein weiteres Aufgabenfeld könnte das Leerstandsmanagement sein. Angesichts steigender Leerstände im gewerblichen Bereich erscheint die Neuorganisation vakanter Flächen und die Entwicklung von Umnutzungskonzepten ebenfalls als ein aussichtsreicher Tätigkeitsbereich für Architekten. Berufliche Chancen könnte es auch beim Raum- und Flächenmanagement geben. Der Prozess des gesellschaftlichen Wandels führt insgesamt zu veränderten Wohn-, Arbeits-, Freizeit- und Organisationsstrukturen. Die Entwicklung neuer und innovativer Nutzungskonzepte für die Bereiche Wohnen, Arbeiten und Freizeit ist eine Aufgabe, die von Architekten erbracht werden könnte.

Potenziale sehen die Gutachter ebenfalls bei der Projektentwicklung. Chancen für Architekten liegen hier bei der Entwicklung kleiner und anspruchsvoller Projekte, die für große Investoren zu kompliziert bzw. nicht rentabel sind. Aussichtsreich wurde in der Expertendiskussion auch die Generalplanung bewertet. Die Bündelung von Verantwortung und das Angebot von Komplettlösungen aus einer Hand kann ein Erfolg versprechender Tätigkeitsbereich sein, der allerdings nicht ohne Risiko ist. Die Objektbetreuung erleichtert die Kundenbindung und bietet gute Chancen für Anschlussaufträge. 

Resümee

Eine einheitliche Zukunftsstrategie, die für alle freischaffenden Architekten gleichermaßen gültig ist, kann es im komplexen Markt für Bau- und Planungsleistungen nicht geben. Dies war auch nicht der Anspruch des Forschungsprojekts. Der Wert der Studie für die Architektenschaft liegt darin, dass relevante Erkenntnisse aufgenommen, ausgewertet, systematisiert und für die Kammermitglieder aufbereitet worden sind. Rückschlüsse und Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen muss jeder Architekt individuell ziehen. Die Untersuchung der Architektenkammer NRW kann Architekturbüros, die sich mit der Zieldefinition einer Zukunftsstrategie befassen, eine wichtige Orientierungshilfe geben.

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