
Brücken zählen zu den markantesten Infrastrukturbauten – und sind heute vielfach in ihrer Existenz gefährdet. Das Baukunstarchiv NRW in Dortmund richtet ab dem 17. April mit der Ausstellung „Brücken und mehr“ den Fokus auf besondere Brücken. Prof. Cengiz Dicleli hat über viele Jahre Brückenbauwerke fotografisch dokumentiert, vor allem Bauwerke von Ulrich Finsterwalder, dessen Brückendirektor Herbert Schambeck sowie dem Brückenarchitekten Gerd Lohmer.
In der Ausstellung „Brücken und mehr“ präsentiert Dicleli vorrangig Schwarzweiß-Fotografien. Umliegende Elemente wie Verkehrsschilder, Oberleitungen oder Personen wurden entfernt, um die Konstruktionen möglichst puristisch und angelehnt an ihr ursprüngliches Erscheinungsbild darstellen zu können.
Mit der Schau möchte das Baukunstarchiv NRW auch auf die akute Gefährdung vieler Brücken aufmerksam machen und zur Diskussion einladen. Gleichzeitig sollen die Brücken als Objekte der Baukunst und das Lebenswerk der präsentierten Ingenieure und Architekten gewürdigt werden. Zumal sich an Brücken in besonderer Weise oftmals die enge Zusammenarbeit der Disziplinen Architektur und Ingenieurbau ablesen lässt.
Zur Vernissage am 16. April sprechen Jörg Friemel (Ingenieurkammer-Bau NRW), Christian Hartz und Anne Hangebruch (beide TU Dortmund), Wolfgang Sonne (Wissenschaftlicher Leiter des Baukunstarchivs NRW) und Cengiz Dicleli. Um Anmeldung wird gebeten. Alle Informationen zur Ausstellung finden Sie unter www.baukunstarchiv.nrw.
Laufzeit: 17. April bis 21. Juni 2026 im Baukunstarchiv NRW in Dortmund. Öffnungszeiten: Di bis So 14:00 – 17:00 Uhr, Mo geschlossen.
Prof. Cengiz Dicleli absolvierte 1962 sein Abitur an der Deutschen Schule in Istanbul und studierte anschließend Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Berlin. Nach seiner Tätigkeit als Projektingenieur in Berlin und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der neu gegründeten Fakultät für Bauwesen der TU Dortmund wurde er 1986 als Professor für Tragkonstruktionen an die Hochschule Konstanz (heute Architektur und Gestaltung) berufen, wo er an den Lehrstühlen Tragkonstruktionen (Prof. Stefan Polónyi) und Stahlbau (Prof. Manfred Fischer) als wissenschaftlicher Mitarbeiter bis 2009 lehrte.
Seine Forschung am Institut für Angewandte Forschung der HTWG Konstanz widmete sich der Geschichte des Ingenieurbaus und der Gestaltung von Ingenieurbauten, insbesondere den Arbeiten des Ingenieurs Ulrich Finsterwalder und seines Teams. Dabei rückte auch der Brückenarchitekt Gerd Lohmer in den Fokus, mit dem Finsterwalder Spannbetonbrücken in der Nachkriegszeit realisierte.
Seit zehn Jahren dokumentiert Cengiz Dicleli diese Bauwerke nun auch fotografisch. Die Ausstellung „Brücken und mehr“ im Baukunstarchiv NRW ist damit das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte und Ästhetik des Ingenieurbaus.
Ulrich Finsterwalder (1897–1988) gilt als einer der einflussreichsten Brückenbauingenieure des 20. Jahrhunderts. Nach dem Abitur im Ersten Weltkrieg und anschließendem Militärdienst studierte Finsterwalder Bauingenieurwesen an der TH München und beschäftigte sich früh mit „Schalenkonstruktionen“. Seine 1924 abgeschlossene Diplomarbeit zu „Netzwerkschalen“ und seine Arbeiten zu „Zylinderschalen“ führten ihn zur Baufirma Dyckerhoff & Widmann (DYWIDAG), wo er zunächst „Kuppel- und Tonnenschalen“ für Bauten wie das Elektrizitätswerk und die Großmarkthalle in Frankfurt am Main entwickelte.
In den 1930er- und 1940er-Jahren leitete Finsterwalder das Konstruktionsbüro von DYWIDAG, zunächst in Berlin, später in München, und arbeitete unter anderem an „Zeiss-DYWIDAG-Schalen“ sowie am Betonschiffbau - in Zeiten großer Stahlknappheit. Nach dem Krieg baute er die Konstruktionsabteilung erneut auf und wurde 1948 persönlich haftender Gesellschafter des Unternehmens.
Ab den 1950er-Jahren erlang Finsterwalder mit dem „DYWIDAG-Spannverfahren“ und der „Freivorbauweise“ international Bekanntheit. Zahlreiche bedeutende Ingenieure – darunter
Leonhardt Obermeyer, Anton Tedesko, Georg Knittel, Herbert Kupfer, Herbert Schambeck und Helmut Bomhard – gingen aus seiner Schule hervor.
1973 beendete Finsterwalder nach rund fünfzig Berufsjahren seine Tätigkeit in der Firma, gleichwohl arbeitete er weiterhin als selbstständiger beratender Ingenieur und wurde bei Großprojekten - wie der Brücke über die Meerenge von Messina, dem Ärmelkanaltunnel und dem Brennerbasistunnel - hinzugezogen. Er starb 1988 in München.
Herbert Schambeck (1927–2013) war ein bedeutender deutscher Brückenbauingenieur der Nachkriegszeit. Nach dem Notabitur 1944, Kriegsdienst und kurzer Kriegsgefangenschaft studierte er Bauingenieurwesen an der TH München. Von 1950 in bis 1990 arbeitete er für die die Firma Dyckerhoff & Widmann.
Schambeck forschte an einem „spiegeloptischen Messverfahren zur Bestimmung von Biegemomenten in schiefwinkligen Brückenplatten“. Er wechselte von der Niederlassung Nürnberg in die Münchner Zentrale; hier arbeitete er eng mit Ulrich Finsterwalder zusammen. 1966 übernahm Herbert Schambeck die Leitung der Brückenbauabteilung. 1973 wurde er Direktor und verantwortete Gestaltung, Konstruktion, Statik, Ausführung und Kosten großer Brückenbauprojekte.
Schambeck realisierte Bauwerke mit verschiedenen Konstruktionen und Bauverfahren, darunter: schiefe Plattenbrücken, Brücken auf Lehrgerüst, im Freivorbau, im Taktschiebeverfahren, als Fertigteilkonstruktionen; sowie Schrägseil- und Zügelgurtbrücken, auch für Schnellbahnen.
Gemeinsam mit Architekten wie Gerd Lohmer und Egon Jux entstanden prägnante Brücken, etwa die Flößerbrücke in Frankfurt am Main. Beim Wettbewerb um die „Brücke über den Großen Belt“ erreichte Schambeck mit einem eigenständigen Entwurf den zweiten Preis.
1985 erhielt Herbert Schambeck die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität München. Nach seinem Ausscheiden aus der Dyckerhoff & Widmann AG 1990 war er weiterhin weltweit als beratender Ingenieur tätig, hielt Vorträge und publizierte Veröffentlichungen. Schambeck starb 2013 in Frieding-Andechs.
Gerd Lohmer (1909–1981) war ein deutscher Architekt, der nach dem Zweiten Weltkrieg als spezialisierter „Brückenarchitekt“ tätig war. Er wurde in Köln geboren, studierte Architektur in München, Aachen und Stuttgart und legte sein Diplom bei Paul Bonatz ab. Hier arbeitete Lohmer an Wettbewerben und Brückenprojekten mit.
Ab den 1950er-Jahren konzentrierte Lohmer sich fast ausschließlich auf Brückenentwürfe und kooperierte mit bedeutenden Bauunternehmen sowie führenden Ingenieuren, darunter Fritz Leonhardt im Stahlbau und Ulrich Finsterwalder im Betonbau, aber auch Hermann Bay, Helmut Homberg, Herbert Schambeck und Hans Grassl. Der umfangreiche Wiederaufbau zerstörter Brücken bot ein großes Betätigungsfeld; bei Wettbewerben war er oft mit mehreren Entwürfen vertreten, weil er parallel verschiedene Firmen beriet. Auf diese Weise wurde Gerd Lohmer zu einem gefragten Spezialisten des Brückenbaus seiner Zeit.
1963 erhielt Lohmer die Ehrendoktorwürde der TH Aachen sowie den Großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, lehnte jedoch einen Ruf auf eine Professur in Aachen ab. Er blieb bis zu seinem Tod 1981 seiner Heimatstadt Köln verbunden. Hier gilt er als einer der wichtigsten Brückenarchitekten der Nachkriegszeit.
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