Haus der Technik in Essen – Foto: Thomas Robbin

Aufbruchsjahr 1922

Global or local? Die Frage betrifft Akteure aus den verschiedensten Bereichen: Wirtschaft, Werbung, Politik - und gelegentlich auch die Architektur. Vor 100 Jahren, als die international ausgerichtete Moderne von sich reden machte, als Bauhaus, Neue Sachlichkeit, de Stijl und (in der bildenden Kunst) die „Weltsprache Abstraktion“ sich durchsetzten, blühte parallel dazu auch das regionale Bauen, erfreuten sich Backstein und Klinker einer neuen Beliebtheit.

06. Januar 2022Autor: Dr. Frank Maier-Solgk

Für den Backsteinexpressionismus der 1920er Jahre gibt es in den Städten an Rhein und Ruhr bekanntlich zahlreiche prominente Beispiele, vom Wohnungs- bis zum Verwaltungsbau, vom Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen über das Rathaus von Oberhausen, dem Hansa-Haus in Herne bis zum Wilhelm-Marx-Haus in Düsseldorf.

Den Grund für die Ausprägung sehen Architekturhistoriker vor allem in der regionalen Industriegeschichte: „In den verqualmten Industriegebieten“, schreibt Wolfgang Pehnt, „wusste man mit den Fassadenflächen aus Glas und weiß gestrichenem Putz (des Bauhauses) nicht viel anzufangen.“ Hier ging es um eine den praktischen Erfordernissen angemessene Architektur und entsprechend um „Klinkerfassaden, die bei reduzierter Fensterfläche eine Menge Ruß vertragen.“ Ob die Herleitung das Phänomen damit ganz erfasst ist, muss offenbleiben. Den Ursprung regionalen Bauens aber in Bedingungen der industriellen Arbeitswelt zu sehen, liegt grundsätzlich nahe. Der Ansatz würde erklären, warum heute eine vor allem auf Flexibilität ausgerichtete globale Office-Welt die ins Auge springende Engmaschigkeit von Bürohausfassaden nach sich zieht.

Bildung statt Börse

Zurück ins Jahr 1922. Standort Essen, nördlicher Vorplatz des Hauptbahnhofes. Hier war im Januar des Jahres neben dem zuvor errichteten Handelshof mit dem Bau der neuen Essener Börse begonnen worden. Man suchte den zentralen Platz einzufassen und den Fortgang der Institution nach Düsseldorf zu verhindern; mit dieser Stadt hatte man sich den Betrieb bis dahin geteilt. Architekt war der Essener Stadtbaumeister Edmund Körner, der durch die monumentale Essener Synagoge Bekanntheit erlangt hatte. Für das Grundstück gegenüber dem Bahnhof entwarf Körner ein lang gestrecktes, in der Höhe gestaffeltes Gebäude als Stahlskelettkonstruktion, die mit dunklem Backstein verblendet wurde, mit einem Arkadengang in den Platz hineinwirkte und durch einen siebenstöckigen Kopfbau auf sich aufmerksam machte; Anklänge an das berühmte Hamburger Chilehaus von Fritz Höger hat man in dieser expressiven Vertikale gesehen.
Die 1920er Jahre waren die Boomjahre der Stadt. 1922 gelang es, die Kunstsammlung Folkwang von Carl Ernst Osthaus von Hagen für Essen einzukaufen, für die ebenfalls Körner einen ersten, im Krieg zerstörten Museumsbau in der Bismarckstraße errichtete. (Das ganze Jahr 2022 feiert das Folkwang-Museum mit Ausstellungen seinen runden Geburtstag). Essen entwickelte sich aus einem Industrieanhängsel zu einer Metropole mit kultureller Ausstrahlung. Als Börse jedoch wurde das Gebäude nicht lange genutzt; ab 1936 bot es als „Haus der Technik“ der Ausbildung von Ingenieuren Raum. Körner, der 1931 in Köln mit Fabrikgebäuden für die Ford Motor Company seinen letzten großen Auftrag erhielt, starb im Jahr 1940.

501 Fenster in Duisburg

1922 war auch das Jahr, in dem in Duisburg-Ruhrort – jenem durch einen Schimanski-Tatort berühmt gewordenen Hafenviertel der Stadt – mit dem Bau des Verwaltungsgebäudes der Rheinischen Stahlwerke AG begonnen wurde. Zur Gestaltung der Fassaden lobte das Unternehmen einen beschränkten Architekturwettbewerb aus, zu dem die Planer-Prominenz jener Zeit eingeladen wurde - darunter Peter Behrens, Paul Bonatz, Wilhelm Kreis und Emil Fahrenkamp. Zur Ausführung kam jedoch ein Entwurf des Baudirektors des Unternehmens Heinrich Blecken, der einen einheitlichen Block mit zwei ursprünglich offenen Innenhöfen entwarf, der seiner Fassade wegen alsbald als „Tausendfensterhaus“ (tatsächlich sollen es 510 Fenster sein) Bekanntheit erlangte und Ähnlichkeit mit dem Mannesmann-Verwaltungsbau von Peter Behrens in Düsseldorf aufwies.
Die monumentale und repräsentative Wirkung ist durch Figuren beiderseits des Haupteingangs und einem Vordach immer noch spürbar. Deutlich wird, dass der Backsteinexpressionismus jenseits von Fragen der Praktikabilität auf Effekte hin kalkuliert war: Macht, Beständigkeit, eine verhaltene Dynamik und der Bezug zur Region, welcher durch aus heimatlichem Boden gewonnene Ziegel betont wird. All dies waren Aspekte einer Ausdrucksarchitektur, deren Hintergrund nicht zuletzt in der französischen Besetzung des Ruhrgebiets 1923/24 zu sehen war. Die weitere Nutzungsgeschichte des Baus spiegelt jene Intention indessen kaum wider. Die Stahlwerke mussten bald nach Fertigstellung fusionieren, der Bedarf ging zurück, einen Teil der Räume vermietete man, eine Praxis, die bis heute währt, nachdem in den 1990er Jahren eine Komplettsanierung durch das Büro Harald Deilmann erfolgte.
Und der Backsteinexpressionismus? Wer nach einer späteren Wiederauflage sucht, wird auf dem Auengelände der Museum Insel Hombroich fündig. Hier sind es die mit Ziegeln aus der Region verkleideten „begehbaren Skulpturen“ von Erwin Heerich, die die Verbindung von Natur und regionaler Kultur zum Ausdruck bringen sollen.

Mehr zum Thema Backsteinexpressionismus der 1920 Jahre in den Städten an Rhein und Ruhr finden Sie unter www.baukunst-nrw.de

Teilen via