Slammer und Impulsgeber (v. r.): Peter Köddermann, Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Thomas Schmidt, Ernst Uhing, Jonathan Schmalöer, Antonia Fischer, Sebastian 23, Mathis Kroekel und Moderatorin Patrycja Muc – Foto: Ingo Lammert/Architektenkammer NRW

Zum Leben erwecken, statt abzureißen!

Was ist „Umbaukultur“? Mit dieser Frage eröffnete Peter Köddermann, Programmgeschäftsführer der Initiative Baukultur NRW, sein Impulsstatement zum 8. UrbanSlam der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen.

20. Juni 2023von Christof Rose

Er verwies darauf, dass der Umbau und das Weiterbauen schon immer die Architektur geprägt hätten. Was heute fehle, sei eine Ästhetik für diese neu-alte Form des Bauens. „Das Thema ist vor dem Hintergrund des klimagerechten Bauens hoch aktuell, und deshalb ist es wichtig, dass heute junge Planerinnen und Planer ihre Haltungen und Konzepte zu einer neuen Umbaukultur präsentieren“, erklärte Ernst Uhing, der Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, vor den rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des 8. UrbanSlam, der am 14. Juni im „Haus der Geschichte des Landes NRW“ stattfand.

Der Veranstaltungsort hätte passender kaum gewählt werden können: Der „Behrensbau“, in dem das Haus der Geschichte NRW seinen Standort am Düsseldorfer Rheinufer hat, wurde im Verlauf seiner rund 110jährigen Geschichte mehrfach umgenutzt. Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Vorsitzender des Präsidiums der Stiftung „Haus der Geschichte NRW“, verwies auf die Errichtung des Gebäudes durch Peter Behrens als Verwaltungsbau der Mannesmann Röhrenwerke AG. Später erfolgte der Verkauf an Vodafone, dann eine Zwischennutzung als Flüchtlingsunterkunft. „Heute freuen wir uns, dass dieses zentral gelegene Gebäude dauerhaft ein Museum sein wird – mit weiteren Nutzungen“, so Prof. Hütter. Die Obergeschosse werde die Landesregierung als Kommunikationszentrum nutzen. Architekt Peter Behrens habe ein wahrhaft nachhaltiges Bauwerk realisiert; „in nur zwei Jahren Bauzeit damals“, so Hütter.

Heraus aus der Komfortzone

Als „featured scientist“ führte zunächst Thomas Schmidt vom Architektur- und Ingenieurbüro SSP aus Bochum in das Thema „Umbaukultur“ ein. Er zeigte sein Elternhaus, ein Zechenhaus aus Dortmund. Der Architekt reflektierte selbstkritisch, dass die Architektur in den letzten drei Jahrzehnten fehlerhafte Entwicklungen fortgeführt habe. „Wir produzieren weiterhin zu viel Müll, wir beanspruchen zu viel Fläche, wir verwenden die falschen Materialien“, resümierte Thomas Schmidt. Sein Büro SSP versuche, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. „Da muss man auch mal verzichten und aus seiner Komfortzone heraus“, appellierte der Architekt, dessen Büro SSP mehr als 200 Mitarbeitende an vier Standorten hat. Einen Schwerpunkt legt das Büro SSP auf die Sanierung und Weiterentwicklung von Bauwerken der Zwischenkriegsjahre und der Nachkriegszeit. „Viele haben nicht nur wertvolle graue Energie gespeichert, sondern auch ganz viel kulturelle Kraft: Historie, Erinnerungen und stadtbildprägende Wirkung.“ Ein Appell des Dortmunder Architekten lautete: „Erhalten vor Recyceln!“ Wie Thomas Schmidt zeigte, lebt er auch selbst in einem weitergebauten Gebäude: Dem alten Siedlungshaus im Dortmunder Süden, Baujahr 1954, des Architekten Fido Spröde.

Altes zu neuem Leben erwecken!

„Lasst uns die alten Gebäude zum Leben erwecken, statt alles niederzubrechen!“ So lautete eine Kernaussage des Slams von Antonia Fischer. Die Architekturstudentin der TH Köln slammte über ein „Puzzle ohne Teile“. Bauen im Bestand sei ein Statement. „Es heißt, Gebäude und bereits Geleistetes zu bewahren.“ In rhythmischer Form slammte Antonia Fischer über Schadstoffe und Irrwege, aber auch über den Mut zu Kreativität und Lösungen. „Bauen im Bestand muss zum Normalfall werden - dann wird es auch wirtschaftlich immer günstiger.“

Wertschätzen des Materials

Mathis Kroekel, Student der PBSA Düsseldorf, sprach über Material – und hatte einen Backstein mitgebracht, den er durch die Reihen wandern ließ. „Die Schönheit liegt nicht im Material, sondern im Auge des Betrachters – also von Euch“, so Mathis Kroekel. Er riet zur exakten Trennung von baustofflichem und baulichem Bestand. „Das, was mal war, kann aufbereitet und wiederverwendet werden. Das war immer so – und erst in den letzten Jahrzehnten ist das Schiff zum Kentern gebracht worden.“ Als Beispiele für dauerhaft nutzbare, auch wandelbare Bauten zeigte Kroekel das Zentrum von Lucca und die Hamburger Speicherstadt. „Wenn wir es schaffen, Stadt und Bestand so zu denken, dass nur noch gebraucht wird, nicht mehr aber ver-braucht, dann sind wir auf einem guten Weg“, so Mathis Kroekel. Wer heute so baue, dass bereits klar ist, dass das Objekt eines Tages Müll sein werde, begehe einen zu verurteilenden „Tatbestand“ - so der Titel seines Slams. „Vielleicht nicht im juristischen Sinne, aber in der Verantwortung vor der Gemeinschaft.“ Kro-ekel rief dazu auf, Material deutlicher wertzuschätzen – auch Gegenstände des Alltags.

Das Profane als Ornament

Über die „Kaiser-Karl-Straße“ in Kaarst berichtete Robert Saat vom Büro „Saatschaller“ in Leipzig. Der vom Niederrhein stammende Architekt hatte ein kleines Objekt, einen Hotelanbau aus den 1970er Jahren in Kaarst, für eine Familie zum Wohnhaus umgebaut. Er leitete daraus acht Positionen ab, die er zur Diskussion stellen wollte. Dazu gehörte die Forderung, auf kleine Flächen statt auf Größe zu setzen; hierarchielose Räume zu schaffen; den Unterschied von alter und neuer Bausubstanz zu nivellieren und scheinbar profane Materialien zum Ornament zu stilisieren. Nach diesem Vorgehen könne so mancher Abriss verhindert werden - und ungewohntes Neues aus scheinbar überholtem Alten entstehen.

Mehr Rom wagen!

Jonathan Schmalöer trat als „Lückenfüller“ auf – weil er spontan eingesprungen war, und weil er über das Füllen städtebaulicher Lücken sprechen wollte. „Das Weiterbauen des Alten kann Neubauten deutlich übertrumpfen, und zwar in mehrfacher Hinsicht“, spitzte Schmalöer, der in Aachen Architektur studiert hat, zu. „Mehr Rom wagen“, war sein Motto, weil die ewige Stadt schon immer aus „Weiterbauen“ bestanden habe. Was aber tun, wenn der Bestand den aktuellen Ansprüchen nicht mehr genügt? Falsche Frage, so Schmalöer: „Vielleicht müssen nicht die Gebäude sich anpassen, sondern wir uns mit unseren Ansprüchen.“ Er stellte das Konzept des Vereins „Baukreisel“ vor, der den Wert von Baumaterial sichern und über diesen Wert auch öffentlich sprechen will. Nicht zuletzt verwies Jonathan Schmalöer auf die Ausstellung „Der doppelte Verlust“, die er mit seinem Vater Richard im Baukunstarchiv NRW im Frühjahr 2023 gezeigt hatte. „Alle wissen viel – aber es geschieht weiterhin zu wenig“, resümierte der junge Planer. „Verzicht ist die technisch einfachste Lösung.“ Besser sei es aber, mit dem Volkswirt Nico Paech von der „Befreiung vom Überfluss“ zu sprechen, schloss Jonathan Schmalöer.

Special Guest: Sebastian 23

„Ich bin kein Architekt, aber ich wohne mein Leben lang schon in Häusern und kenne mich ein bisschen aus“, stieg Sebastian 23 in seinen Gastbeitrag ein. Der Profi-Slammer hatte eigens einen Text zu „Stadt und Nachhaltigkeit“ geschrieben, „bzw. aus bestehenden Texten recycelt“. Er dachte dabei über das Verhältnis von Autos und Fahrrädern nach, über die Störung des stehenden Verkehrs durch Klimakleber und den neuen „Deutschlandtakt“ der Bahn - den die ganz Jungen im Publikum vielleicht noch erleben würden. Sebastian 23 erzählte auch von seiner Wahlheimat Bochum und dem Ruhrgebiet - das schon viel länger viel grüner sei, als viele dachten; „nur merkten viele es nicht, weil noch in Schwarz-weiß gesendet wurde“.

Zwei erste Preise, vier Sieger!

In der Schlussabstimmung des Publikums über den besten der vier Slams zeigte sich das Publikum von allen vier Beiträgen begeistert. „Eigentlich haben wir schon vier Siegerinnen und Sieger“, fasste Moderatorin Patrycja Muc treffend zusammen. Gleichwohl zeigte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Antonia Fischer und Mathis Kroekel. Auch die zweite Abstimmung ergab keinen eindeutigen Favoriten des Publikums: Es wurden zwei erste Preise vergeben.

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